Liebe Aline,
lange nichts mehr von Dir gehört. Umso mehr war ich verwundert und erfreut, als ich meinen Namen las... lach.
Was Du schreibst ist erst mal viel Neues bzw. eben wieder Altes.
Ja, Du hast recht, im Prinzip bin ich nicht einsam, aber oft mache ich mich selbst einsam, weil ich niemand mehr an mich ran lassen möchte. Dann ziehe ich mich zurück. Ich weiß aber auch, daß ich ja jederzeit wieder aus meinem Schneckenhaus herauskommen kann, wenn ich es für angebracht halte und vor allem, wenn ich glaube, daß die Menschen mir gut gesonnen sind. Ansonsten bleibe ich eben da... lach.
Hm, das mit dem "Ausgesucht-werden"... ja, das war wirklich so ein Ding, das mich lange Jahre begleitet hat. Wenn mich eine/r interessant fand, dann fand ich hatte er/sie es verdient, meine Freundschaft oder Liebe zu erhalten. Ich habe nie darüber nachgedacht, ob ich ihn oder sie umgekehrt auch für mich interessant fand. Aber das hat sich entschieden was geändert. Zwar schaffe ich es noch nicht immer aber doch schon sehr oft, daß ich den Menschen nicht mehr erlaube, einfach so über mich zu verfügen. Manchmal geht es noch ein bißchen, bis ich aufwache und merke, daß ich mich mal wieder habe benutzen lassen, doch kann ich niemandem einen Vorwurf machen, solange ich mich in diese Rolle hinein begebe. Erst wenn ich ganz klar "STOP" sage und der andere dieses Stop nicht akzeptiert, sind Vorwürfe angebracht, denn dann sind meine Grenzen überschritten. Aber zuerst einmal muß ich sie meinem Gegenüber klar aufzeigen.
Und mit diesem Grenzen setzen, wächst auch ein Stück weit die Selbstachtung. Nur wenn ich immer mehr lerne ganz klar auszudrücken was ich möchte und was nicht, wächst die Liebe zu mir selbst, weil ich mir endlich den Schutz gewähre, den ich nie erfahren durfte. Und dadurch wiederum kann ich auch mein Gegenüber mehr schätzen und achten und muß ihn nicht ständig manipulieren, um ihn klein zu halten.
Dann sind auch diese ewigen Machtkämpfe nicht mehr nötig, in denen jeder versucht, den anderen nieder zu drücken, um selbst groß sein zu können. In dem Moment, in dem einem das gelingt, stellt man wirklich mit Erstaunen fest, daß man es nicht mehr nötig hat, irgend jemanden unterzubuttern. Man kann ihn so sehen wie er ist. Eine Person mit guten und mit schlechten Eigenschaften. Und erst dann kann es auch gelingen, ganz klar und objektiv zu entscheiden, ob ich mit all diesen Eigenschaften leben kann. D.h. ob mir die positiven Charakterzüge so wichtig sind und genügen, daß ich die negativeren Situationen mittragen kann.
Aber es ist ein langer Weg dorthin und auch ich befinde mich noch immer auf dieser Reise. Wenn ich mich manchmal mit Freunden darüber unterhalte, dann sage ich immer, diese Aufgabe ist für mich ein lebenslanger Prozess.
Du schreibst, daß Du immer alles mit Dir hast machen lassen und dieses jetzt nicht mehr willst. Weißt Du Aline, ich glaube, es geht uns da allen ähnlich. Wenn wir mal an dem Punkt angekommen sind, wo wir begreifen, was wir nicht mehr wollen, kehren wir unser Verhalten um in das andere Extrem. Wir schlagen dann - bevor wir selbst verletzt werden könnten - blind um uns und glauben mit diesem Verhalten nun Grenzen gesetzt zu haben. Ich halte das für normal... wenn... das nicht so bleibt. Wir kennen es ja nicht. Wir müssen es ja erst einmal lernen, ausprobieren wie ein kleines Kind das ausprobiert. Wir sind unerfahren und wissen ja gar nicht wie wir damit umgehen sollen. Doch glaube ich, wenn Du wirklich möchtest und den Mut dazu aufbringen kannst, dann wird sich das legen und Du mußt mit der Zeit auch nicht mehr so heftig zuschlagen. Du wirst immer ruhiger dabei werden und eines Tages kannst Du auch ganz ohne Aggressionen klar und verständlich ausdrücken: ja, das will oder eben nein, das will ich nicht.
Auch dann wirst Du immer noch Menschen weh tun, weil sie vielleicht mit Deiner persönlichen Entscheidung nicht leben wollen oder können. Aber dies ist dann ein anderes weh tun. Oft sagen wir Dinge oder handeln aus Emotionen heraus, die einfach ungelöst in uns vorhanden sind. Ich hatte erst vor kurzem selbst so einen Fall, in dem ich einen Menschen in einer solchen Situation grob verletzt habe. Heute allerdings kann ich meinen Fehler einsehen. Auch wenn ich demjenigen keine Antwort liefern kann, warum ich das getan habe, so kann ich mich doch wenigstens für mein Fehl-Verhalten entschuldigen und um Verzeihung bitten. Ob derjenige das dann annehmen kann oder nicht, steht auf einem anderen Blatt Papier, aber ich kann mir meinen Fehltritt damit vergeben. Und es wird sicherlich noch einige solcher Fehltritte in meinem Leben geben. Dazu stehe ich.
Ich verstehe Deine Situation und daß Du darüber sehr traurig bist. Es ist auch eine sehr traurige Angelegenheit. Was Du da lebst ist so nach dem Motto... wenn ich Dich habe, hasse ich Dich. Wenn Du mich verläßt, liebe ich Dich. Ich kenne das alles. Ich hatte auch einmal eine Beziehung, in der ich das gelebt habe. Über drei Jahre ging dieses Spiel und eines Tages habe ich mich so dafür geschämt, daß ich meinem Gegenüber nicht mehr in die Augen schauen konnte. Es war nicht so, daß ich verlassen wurde. Ich habe meine Klamotten gepackt und bin gegangen, weil ich wußte, daß ich das niemandem weiter zumuten konnte... mich nicht mehr zumuten konnte. Es ist eine ganz verfahrene Geschichte. Und ich kann Dir auch nicht einmal genau sagen, wie das alles zustande kommt. Aber ich glaube einfach, daß es hier um ein Nähe-Distanz-Problem geht. Und eben auch um Macht. Indem Moment, indem man die Macht hat (weil man den anderen unterdrückt) fühlt man sich unverletzlich und letztendlich erhält man ja auch einen Beweis, dass der andere einen liebt, weil er bleibt. Dreht sich aber die ganze Sache um, und der Partner geht, weil er einfach die Faxen dicke hat, dann bleib das kleine verlassene Kind zurück, daß Angst hat, ohne Beschützer dazustehen.
Es ist sehr schwierig, diesen Teufelskreis zu durchdringen. Ich habe eben für mich die Erfahrung gemacht, daß es nur dann funktioniert, wenn man sich selbst mehr und mehr annimmt. Und das genauso, wie bei seinem Gegenüber... sich annehmen mit allen guten und schlechten Eigenschaften. Erst wenn wir bereit sind, auch dem ins Auge zu schauen, daß wir nicht durchweg gut sind, können diese Charakterzüge aus der Verdrängung ans Licht geraten. Und wenn sie erst mal im Licht sind und angesehen werden, dann sind sie schon nicht mehr so dunkel.
Ich wünsche Dir sehr, Aline, daß Du Dich irgendwann lieben und akzeptieren kannst, als der Mensch, der Du wirklich bist. Nimm dieses kleine Mädchen, daß in Dir lebt und so verzweifelt ist mal in die Arme. Sei da für die kleine Aline. Sie braucht Dich. Ohne Dich schafft sie es nicht zu heilen. Nur wenn Du sie hörst, ihre Verzweiflung, ihre Angst, die sie immer wieder um sich schlagen läßt, wirst Du in Dir etwas Ruhe finden können.
Weißt Du, als bei mir die Zeit gekommen ist, die nicht mehr von so vielen Dramen geprägt war, war es für mich unendlich schwer, das auszuhalten. Ich hatte mein ganzes Leben von Kindesbeinen auf nur Kampf gekannt. Nur Dramen, immer wieder nur Dramen. Und plötzlich gab es da kein Drama mehr. Das hat mir erstmal Angst gemacht, weil in mir eine unendliche Leere war. Und das war sehr lange so. Erst als ich wirklich begonnen habe, diese Leere mit mir auszufüllen, wurde es besser und heute kann ich mit solchen dramatischen Situationen gar nicht mehr umgehen. Sie hauen mich um und ich brauche Wochen, um mich davon zu erholen.
Ich hoffe, Du findest zwischen all den Zeilen, den ein oder anderen Punkt, den Du für Dich verwenden kannst.
Du bist auf dem Weg, Aline. Du spürst, was falsch läuft und Du leidest darunter. Das ist der allerbeste Ansatzpunkt, um etwas zu ändern.
Ich denke an Dich und freue mich, wieder von Dir zu hören. Bis dahin wünsche ich Dir ganz viele Mut und Kraft.
Alles Liebe für Dich Avalon |