Liebe Aline,
zuerst einmal sorry, daß ich Dich so lange auf Antwort warten ließ, aber bei mir geht es im Moment auch drunter und drüber.
Deine Zeilen habe ich gelesen. Was Du schreibst, kenne ich alles, weil ich das auch so gelebt habe. Ich bin jetzt 40 Jahre alt und schaue zurück auf ein Leben, das mich beziehungsmäßig von einem Chaos ins nächste befördert hat. Erst jetzt bin ich langsam aufgewacht und ich bin verdammt froh darüber, wenngleich es auch oft weh tut.
Mit 18 Jahren habe ich zum ersten Mal geheiratet. Mein damaliger Ehemann war eigentlich gut zu mir. Aus dieser Ehe stammt auch mein heute fast 21jähriger Sohn. Es gab nur ein Problem... Alkohol. Oft kam es vor, daß mein Mann betrunken von der Arbeit nach Hause kam. Das war dann auch der Auslöser für mich, daß ich mich nur noch geekelt habe, mich alles an ihm gestört hat und ich nicht die geringste Berührung mehr ertragen konnte. Damals war ich ein junges Mädchen und fand für mich keinen Ausweg. So wurde ich krank und landete in einer psychosomatischen Klinik. Von dort aus kehrte ich nie mehr in die eheliche Wohnung zurück und ging mit unserem Sohn eigene Wege. Das war der Anfang.
Nun war ich ja noch jung, gerade mal 23 Jahre alt und alleine bleiben mochte ich da ja auch noch nicht. Menschen lernte ich genügend kennen, aber ... nie suchte ich mir einen Partner aus, den ich wollte. Immer war es so, daß sich jemand für mich interessierte und ich mich plötzlich wieder in einer Beziehung befand. Nie fragte ich mich, ob ich das eigentlich wollte. Es war ganz einfach so. Ich funktionierte. Ich tat, was man mir sagte, bis... und da ging es mir eben genauso wie Dir... ich anfing zu suchen. Mit einem Mal fielen mir alle möglichen Dinge auf, die mich störten. Immer wieder bin ich gegangen. Kaum aber war ich wieder alleine, konnte ich damit auch wieder nicht umgehen und ließ mich wieder vereinnahmen.
Du kannst Dir vorstellen, wie ich gelitten habe. Immer wieder kam ich mir - genauso wie Du - eingeengt, bedroht und ausgeliefert vor.
Nach einer besonders streßigen Beziehung fing ich das erste Mal an, darüber nachzudenken, was da eigentlich abläuft. Das liegt schon ein paar Jahre zurück. Ich entschloß mich, nun wirklich mal mein Leben für mich alleine zu gestalten und mich nur noch um mich und meinen Sohn zu kümmern. Ich zog das durch. Ich glaube, es waren ungefähr drei Jahre, die ich ohne Partnerschaft lebte. Aber gelernt schien ich nichts daraus zu haben. Denn wieder einmal sucht mich ein Mann aus. Er sah mich, sagte: das ist die Frau, die ich heiraten werde, und so geschah es auch. Obwohl ich nie mehr in meinem Leben heiraten wollte, schloß ich den Bund der Ehe ein zweites Mal. Was dann geschah kann und will ich hier nicht schreiben. Ich kann nur soviel dazu sagen, daß es mich um ein Haar das Leben gekostet hätte. Und trotzdem blieb ich bis zur bitteren Neige. Ich hielt aus, hielt durch, ertrug und wehrte mich nicht. Meine Seele schrie, ich hörte ihr nicht zu.
Ich brauchte über zwei Jahre in Therapie, um mich zu stabilisieren.
Danach traf ich wieder auf einen Menschen, an dem ausnahmsweise ich mal Interesse hatte, doch mein Schicksal machte mir auch hier wieder einen Strich durch die Rechnung. Alte Erinnerungen tauchten plötzlich auf und dies war dann der entscheidende Moment, der mich wach werden ließ.
Ich kann es nur so beschreiben: es war wie ein Auftauchen aus einer langen Nacht. Es war, als wäre ein Vorhang aufgezogen worden. Ich lag in meinem Bett, sah und dachte... "das wars dann, ade Männerwelt".
Es war nichts, was ich beeinflusst hatte, nichts, was ich mir gewünscht hätte, nichts, auf was ich hin arbeitete. Es war einfach da. Still und leise hat es sich in mein Bewußtsein geschlichen.
Auch das hat wieder lange gedauert, bis ich es verarbeitet hatte und noch heute habe ich hin und wieder damit zu kämpfen. Aber ich weiß, daß ich nie mehr von einem Mann angefaßt werden möchte. Es ist nicht so, daß ich Männer hasse. Oh nein, ich kann einen Mann auch heute noch lieben, aber eben nur seine Seele.
Doch wie gesagt, ich selbst habe dazu nichts beigetragen, meine Seele hat sich da ganz alleine ihren Weg gesucht.
Vielleicht fragst Du Dich jetzt, was Du mit all dem nun anfangen sollst. Das frage ich mich nämlich auch gerade... *lächel* Ich wollte Dir damit einfach nur meine Geschichte erzählen, in der Du Dich möglicherweise ein Stück weit wiederfinden kannst. Wollte Dir damit zeigen, daß Du nicht alleine so empfindest, sondern daß es auch andere gibt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wollte Dir auch Mut machen, Deiner Seele zu vertrauen. Niemand kennt Dich besser als sie.
Einen konkreten Ratschlag kann und will ich Dir nicht geben. Die Dinge, wie wir sie erleben, sind so individuell, daß sie jeder für sich erleben, erfühlen und erarbeiten muß. Das einzigste was ich für Dich tun kann ist... Dich verstehen, Dich ernst nehmen und Dir zuhören.
Liebe Aline, ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß Du Deinen Weg finden darfst. Dass Du immer wieder inne halten kannst, um auf Deine innere Stimme zu hören. Ich wünsche Dir, daß Du Wege einschlagen kannst, die Dir gut tun und auf denen Du zufrieden bist und Dich wohl fühlst.
Liebe Grüsse von Avalon |