Hallo ihr anderen Überlebenden,
ich bin gerade sehr traurig, weil es mein erstes Weihnachten ohne meine Mutter sein wird. Seit Februar diesen Jahres habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen. Zu dem Rest der Familie hatte ich schon lange keinen Kontakt mehr. Mit 34 hatte ich es geschafft auch die telefonischen und brieflichen Kontakte zu meiner Mutter, die mich unter anderem auch sexuell missbraucht hat abzubrechen. Somit habe ich seit Februar diesen Jahres keinen Täterkontakt mehr und ich lebe sicher und geschützt. Trotz jahrelanger Therapie kann ich jetzt zum ersten Mal den Schmerz fühlen, der mir angetan wurde. Es gibt Tage, da ist es immer noch so, als ob eine Welt zusammenbrechen würde. Ich sitze dann stundenlang da und weine, obwohl ich eigentlich für die anstehenden Prüfungen lernen müsste. Die letzten Taten waren mit 16, danach nur noch emotionaler Missbrauch, bis Februar diesen Jahres. Aufgrund der ganzen Sachen, war ich viele jahrelang mit kurzen Unterbrechungen immer wieder krank und konnte nicht selbstständig für meinen Lebensunterhalt sorgen, oder eine Ausbildung auf dem 1. Arbeitsmarkt machen. Der Missbrauch, die Vernachlässigungen und die Misshandlungen haben nicht nur seelische und körperliche Narben hinterlassen, sondern auch bis heute noch neben den Traumafolgestörungen noch andere Auswirkungen. Mir fehlen viele Jahre in denen ich nicht in die Rentenkasse einzahlen konnte. Es fällt mir schwer meinen Lebenslauf anzusehen. Bis vor kurzem habe ich in sehr ungesunden partnerschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen gelebt. Ich musste ganz von vorne anfangen. Alles Schädigende abrechen und ein neues Leben lernen. Ich wäre heute auch beruflich an einer ganz anderen Stelle schon im Leben, wenn ich nicht jahrelang mit dem Überleben und mich in Sicherheit bringen beschäftigt gewesen wäre. Nun ist die Sicherheit endlich da. In den Jahren habe ich viel an Stärke, Würde und Kompetenzen zurückgewinnen können. Doch ich bin auch noch immer traurig und wütend über diesen Staat, indem solche grausamen Verbrechen verjähren können und in dem mam jahrelang für seine Glaubwürdigkeit kämpfen muss. Ich hatte vor einem Jahr die Therapie bei meinem damaligen Körpertherapeuten, wegen sexuellen Missbrauchs in der Therapie abgebrochen. Er zu dem ich endlich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, hat in seiner Praxis eine Patientin, oder sogar zwei vergewaltigt. Ich habe auch drei Sachen mit ihm erlebt und werde im Januar des nächsten Jahres bei dem Gerichtsverfahren als Zeugin aussagen. Seit einem Jahr habe ich mein Studium wieder aufgenommen, dass ich damals abbrechen musste. Auch dort musste ich wegen der Umstellung von Diplom auf Bachelor noch einmal ganz von vorne anfangen. Aber nach nur zwei Semestern bin ich wahrscheinlich im März des nächsten Jahres auf der Studienleistung nach Ende des 4. Semesters. Ich bin sehr erfolgreich im Studium und habe seit einem halben Jahr auch meine Anerkennung nach dem OEG durch. Und jetzt bin ich müde von den jahrelangen Kämpfen mit Ämtern, den Erinnerungen und dem immer wieder von vorne anfangen (viele Umzüge, Namensänderung, Adresssperrung usw.). Ich will einfach nur noch leben- und ich bin so erschöpft und traurig. Vollkommen ausgepowert und gleichzeitig kann ich nicht aufgeben, weil es um meine berufliche Existenz geht. Ich will dem Ganzen nicht so viel Macht geben und ich möchte jetzt trotzdem noch einmal durchstarten. Was nicht ganz so leicht ist, wenn man sich die Arbeitsmarktsituation anschaut und ich habe eben viele Lücken und Prakika in meinem Lebenslauf. Ich konnte auch nie länger irgendwo bleiben, weil ich immer umziehen musste. Teilweise bis zu vier Umzüge in einem Jahr. Mein Lebenslauf ist geprägt von Abbrüchen, kurzen Beschäftigungen, Praktika, Weiterbildungen, ehrenamtlicher Tätigkeit, Studienzeiten und eine Umschulung im kaufmännischen Bereich. Ich hätte auch gerne ein wenig Beständigkeit gehabt, aber dies war nicht möglich. Ich kann nichts dafür- und jetzt wird es zu meinem Nachteil ausgelegt. Man unterstellt mir, dass ich nichts durchhalten könnte, oder sprunghaft sei. Wenn die Leute nur wüssten, doch ich kann doch nicht im Vorstellungsgespräch meine gesamte Lebensgeschichte erzählen. Mich macht es traurig und es ärgert mich, dass es solche weitreichenden Folgen bis heute hat.
Wer von euch hat ähnliche Erfahrungen und kann mir einen Tipp geben? In zwei Jahren werde ich mein Studium beenden. Ich studiere im sozialen Bereich und ich hoffe gerade mit diesem Hintergrund in einem Bereich arbeiten zu können, in dem meine Erfahrungen und der Umgang damit, als Kompetenzen gesehen werden. Doch jetzt liegt noch ein Stück Trauerarbeit vor mir.
Dieses Jahr kann ich keine Weihnachten feiern, trotzdem wünsche ich allen denen dies Fest guttut eine schöne Weihnachtszeit. |