Vor drei Wochen erreichte mich über einen Nachsendeantrag ein Brief meiner Mutter. Ich hatte nach einem Klinikaufenthalt, der bis Februar diesen Jahres ging, den Kontakt mit ihr abgebrochen. Und mich seit Januar diesen Jahres nicht mehr bei ihr gemeldet. Anlass für meinen Klinikaufenthalt war ein erneuter Zusammenbruch nach Retraumatisierungen durch das laufende OEG Verfahren und Mobbigsituation auf der Arbeit. In der stationären Traumaklinik wurde mir dringend geraten alle Täterkontakte abzubrechen. Meine Mutter hatte mich ebenfalls sexuell missbraucht. Sie hat sich bisher nicht selber belastet, aber zumindest in dem laufenden OEG Verfahren in Bezug auf ihren derzeitigen Mann, einem vorherigen Freund und ihren neuen Mann ausgesagt.
Zum Brief: Sie schrieb, dass sie beinahe gegen einen Baum gefahren sei, aber diesmal nichts passiert sei, obwohl der Wagen Totalschaden sei. Sie hat in den letzten drei Jahren öfter solche Aktionen gebracht. Und jedesmal war der Ton. Es ist mir passiert, weil ich mit den Gedanken bei Dir war, weil ich Dich so vermisse. Damals (in meiner Kindheit) hat sie mehrere Selbstmordversuche unternommen und beständig damit gedroht sich umzubringen. Sie hat mich immer damit unter Druck gesetzt. Und jetzt fühlt es ich schon wieder wie ein Appell an mich an, dass ich ihr helfen soll. Ich habe keine Lust mehr mich um meine Mutter zu kümmern. Zumal es ihr auch in Wirklichkeit egal ist, wie ich mich wirklich fühle. Ich war lange Zeit tot, weil sie mich umgebracht haben. Sie haben meine Seele getötet und hatten mich leider am Leben gelassen. Viele Jahre habe ich wahnsinnig gelitten und es hat niemanden interessiert wie es mir ging. Wäre ich gestorben, dann wären sie mich losgeworden. Doch diesen Gefallen habe ich ihnen nicht getan, stattdessen werden sie vom Versorgungsamt angeschrieben und zu den Taten befragt. Es ist für mich kein Zufall, dass sie jetzt schon wieder vor einem Baum gefahren ist. In den letzten drei Jahren ist sie fünfmal!!! vor einem Baum gefahren. Auf der einen Seite bin ich total traurig, weil in dem Brief überhaupt nicht gefragt wurde, sondern nur dieser Vorwurf- dass ich mich melden soll, weil ich sonst bald keine Mutter mehr habe. Ich kann sie nicht davon abhalten vor einem Baum zu fahren. Ich bin nur sehr traurig, weil es unmöglich ist, jemals wieder den Kontakt mit ihr wieder aufzunehmen. Zudem heirate ich bald und es schmerzt mich sehr, dass von meiner Familie keiner dabei sein wird, weil ich keine Familie mehr habe, nie hatte und auch nicht mehr haben werde. Es ist alles sehr traurig und ich bin darüber im Moment oft verzweifelt und der alte Schmerz ist sehr präsent. Außerdem habe ich seit fast 6 Monaten keine Therapie mehr, weil ich die Therapie abgebrochen habe, weil mein ehemaliger Therapeut angezeigt ist, wegen sexuellen Missbrauch an einer Klientin. Totale Enttäuschung, Vertrauensmissbrauch und zusätzliches Trauma- es kam auch mir gegenüber zu einem übergriffigen Verhalten. Im Moment versuche ich nur noch weiterzu funktionieren, obwohl es mir sehr schlecht geht. Seit dem Brief kommt der ganze sexuelle Missbrauch durch meine Mutter wieder hoch- es war einfach nur ekelig, erniedrigend, beschämend - die alten Gerüche und Bilder sind wieder da. Und es macht mich so wütend, dass das Versorgungsamt schon wieder nur prüft und einfach nichts passiert.
Ich will zumindest die Anerkennung nach OEG- und selbst da muss ich kämpfen. Ich hasse diese Gesellschaft in der auf der einen Seite davon gesprochen wird dass man den Opfern helfen will- und auf der anderen Seite mache ich seit fast 1,5 Jahrzehnten die Erfahrung, dass man als Opfer total für seine Rechte kämpfen muss. Ich lebe noch immer versteckt, mit gesperrter Adresse, geänderten Namen, geänderter Sozialversicherungsnummer usw. - und bin nach fast 33 Jahren vielleicht jetzt das erste Mal in Sicherheit- was ist das für eine Gesellschaft?
Wenn mich Menschen auf der Straße fragen, wo meine Eltern wohnen.. Dann sage ich meistens nur noch, dass mein Vater tot ist, meine Mutter mich sexuell missbraucht hat, mein Vater auch und dass der neue Mann meiner Mutter mich auch missbraucht hat, dass meine gesamte Familie mich für verrückt hält, und dass ich mit allen nichts mehr zu tun haben möchte. Dann sind die Leute immer total geschockt, aber ich habe überhaupt kein Bock mehr ein auf heilige Familie machen zu müssen. Meistens bekomme ich dann, von den Menschen auf der Straße Verständnis, auch wenn sie meistens noch sehr geschockt und ungläubig gucken. Ich habe keine Lust mehr meinen Schmerz verheimlichen zu müssen. Ich musste lange Zeit funktionieren, damit die Leute es nicht mitkriegen. Nachts noch missbraucht, die ganze Nacht nur Angst, Schmerzen und nicht schlafen können, aber am nächsten Tag wieder Hochleistung in der Schule- immer nur Einser-Schülerin- unauffällig- sozial engagiert- still- sie haben meine Seele umgebracht- es war Folter- die meiste Zeit meines Lebens fühlte ich mich mehr tot, als lebendig- es macht mich noch immer sprachlos und die innere Qual ist noch immer nicht zu Ende- seit dem Brief wurde alles wieder reaktiviert. Aber ich werde nicht darauf reagieren. Ich will keinen Täterkontakt mehr- auch wenn es mich zerreisst und der innere Schmerz im Moment wieder unerträglich ist. Am liebsten würde ich den ganzen Tag nur noch schreiend und weinend durch die Gegend laufen, aber stattdessen bin ich gerade nur noch unter Schock und nach innen verstummt.Tränen--..... die ich nicht weinen kann. An manchen Tagen wäre ich am liebsten tot. |