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Missbrauch durch Fremdtäter


Durch die Mail einer betroffenen Frau angeregt, die auf unseren Seiten Informationen über Missbrauch durch fremde Täter vermisst, möchte ich mich bei ihr zunächst bedanken und dieses spezielle Thema natürlich aufgreifen.

Wir wissen zwar alle, dass der hauptsächliche Tatort der Gewalt- und Missbrauchsverbrechen an Kindern in der eigenen Familie liegt, dem Ort, an dem ein Kind eigentlich am sichersten sein sollte.

In dem Falle wird ein Kind kaum reden, kaum Hilfe finden können, denn es ist abhängig von dem oder den Tätern, die gleichzeitig Versorger und vor allem Heimat sind.

Daneben werden durchaus auch unzählige Kinder und Jugendliche Opfer von Tätern aus dem Bekanntenkreis, aus dem näheren Umfeld oder, wenn auch eher seltener, von absolut Fremden.

Ist der Täter ein Bekannter der Familie, der „eigentlich doch immer nette“ Nachbar oder der Lehrer, der Pfarrer, der Tischtennistrainer oder auch die Klavierlehrerin, hat das Kind ebenfalls neben den Übergriffen noch den Vertrauensmissbrauch zu verkraften. Das Kind muß zwar befürchten man glaubt ihm nicht, hat aber hier dennoch die Chance, Hilfe im Elterhaus zu finden.

Doch wo liegt der Unterschied, wenn der Täter ein vollkommen Fremder war?

Zunächst mal darin, dass das Kind nicht von einem Menschen erniedrigt, benutzt und missbraucht wurde, den es liebt, den es zumindest braucht und mit dem es nach der Tat dann sogar weiter zusammenleben muß.

Dennoch fragt es sich vermutlich „Weshalb ausgerechnet ich?“

Im „besten“ Fall findet das Kind sofort Hilfe, Unterstützung, Trost, Empörung zuhause, bei den eigenen Eltern. Und sofern das Kind den Täter benennen kann, selbstverständlich dessen Strafverfolgung.

Da Liebe immer noch das beste Heilmittel ist, können so die psychischen Folgen des Missbrauchs weitaus schneller heilen, ziehen meist keine Spätschäden hinter sich her, müssen selten überhaupt, noch weniger Jahrzehnte später therapeutisch aufgeabeitet werden.

Leider läuft es aber selbst bei Missbrauch durch einen Fremden nicht immer so ab, wie geschildert.

Weshalb nicht?

Hat das Kind nämlich schon vor der Tat kein Vertrauensverhältnis zu seinen Eltern, wird nicht geliebt, wird vernachlässigt, benachteiligt, ist nicht wichtig – wird es entweder von vorneherein davon ausgehen, dass die Eltern ihm entweder nicht glauben, dass sie die Schilderungen bagatellisieren oder ihm sogar die Schuld zuweisen. („Warum bist Du auch mitgegangen?“)

Ein Kind kann seine Eltern in der Regel recht gut einschätzen und deshalb schweigen viele Kinder auch bei Taten durch Fremde, sie ahnen, dass sie im Elternhaus keine Hilfe finden würden, weil sie dort auch sonst nie Hilfe finden.

Und so kommt es, dass selbst Taten durch Fremde nicht automatisch Einzeltaten bleiben müssen. Wenn fremde Täter merken, dass Kinder zuhause schweigen, manchmal sogar ganz ohne Drohung, manipulieren manche von ihnen die Kinder dahingehend, ihnen immer wieder „zur Verfügung“ zu stehen.

Ein Klient von mir wurde als kleiner Junge von einem Fremden vor der Schule abgefangen, mit einem Versprechen in den Wald gelockt und dort in einem VW-Bus 2 Jahre lang !!! immer wieder von mehreren Männern sexuell missbraucht. Er hat zuhause – er lebte mit seinen 4 Geschwistern bei der alkoholkranken Mutter - nichts erzählt.
„Meine Mutter hatte sowieso schon so viele Sorgen“ und trotz massiver psychosomatischer Symptome bis hin zum mehrmaligen Darmverschluß ist weder der Mutter noch den Arzten angeblich etwas aufgefallen…

Eine junge Frau, ebenfalls Klientin bei mir, war als Kind auf einem Spielplatz angesprochen worden. Der Mann wohnte direkt neben dem Spielplatz und er war so nett zu der Kleinen, für die sich zuhause ebenfalls niemand interessierte - er machte mit ihr Schulaufgaben, bastelte mit ihr bunte Ketten, backte mit ihr Kuchen, bürstete ihr die Haare… und irgendwann küsste er sie, berührte er sie…
Und dennoch ging das Mädchen immer wieder dorthin und erzählte nichts zuhause.

Merken Sie etwas? Täter scheinen recht zielsicher emotional ausgehungerte Kinder zu finden, die sich selbst opfern, nur für ein bisschen vermeintliche Zuwendung!

Ein weitere Klient von mir, er wurde als Junge von einem Priester missbraucht, aber nur so lange, bis er altersmäßig aus dessen „Beuteschema“ herausfiel, dann ignorierte der pädophile Priester den Jungen. Zuhause hatte den Jungen niemand wahrgenommen, er wurde einfach wie Luft behandelt. Er hatte sich zwar vor den sehr massiven Missbrauchshandlungen durch den Priester geekelt, die besondere Zuwendung aber genossen. Als die nun wegfiel, war er wieder ein Niemand und dachte an Selbstmord…

Was aber, wenn Kinder … eigentlich … Vertrauen zu ihren Eltern haben, mit hoffnungsvollem Kinderherzen zu Vater und/oder Mutter gehen, erzählen, was ihnen angetan wurde, vollkommen sicher sind, dass ihnen geglaubt wird, sicher sind, Trost und Hilfe zu bekommen… und es dann so ganz anders kommt?

Bei den Fällen in meiner Praxis, in denen das genauso war, habe ich gespürt, dass beiweitem nicht der Missbrauch selbst die tiefste Wunde gerissen hat, sondern das Im-Stich gelassen werden, der Verrat durch die Eltern, die entweder nicht geglaubt oder unter den Teppich gekehrt, geschimpft oder einfach gar nicht reagiert haben.

Es soll hier nicht darum gehen zu analysieren, weshalb eigentlich bisher verlässliche Eltern dermaßem „dicht machen“ und ihr Kind im Stich lassen, sondern welch entsetzliche seelische Verletzung dem Kind dadurch geschieht.

Die Auswirkungen, und nicht nur für die weitere Kindheit, sind katastrophal. Die bisher sicher geglaubte Kinderwelt ist zersprungen. Das Gefühl, in jeder Notlage beschützt zu werden ist gestorben. Zurück bleibt ein einsames Kind, das sich nicht nur von dem Täter, sondern zusätzlich durch die Eltern entwertet fühlt, nicht mehr weiß, wo es hingehört und nicht selten bleibt dieses Gefühl ein Leben lang erhalten…

Noch nach Jahrzehnten ist für mich als Therapeutin der entsetzliche Schmerz zu spüren, die unendliche Traurigkeit in den Augen zu sehen, wenn ein erwachsener Mensch mir erzählt, dass Vater und Mutter ihn, missbraucht durch einen Fremden, nicht gerettet hat.


Dagmar Minor-Püllen
Therapeutin



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