MUT SCHÖPFEN NACH GEWALT
Zerstörung liegt in der Luft über dem Ort Staub und Schweiß; voll Gefahr der Freitagnacht. Freitag / Zahltag Freitagnacht / Gewalt - ich vergesse das immer wieder. Ich schalte die Bilder der Gewalt aus. Ich bin nicht gewalttätig, deshalb wird mir niemand Gewalt antun.
Ich weiß, das Leben ist komplizierter, brutale Gewalt trifft viele Frauen, wieder und wieder, niemand ist sicher. Ich weiß das, ich weiß so viel, ich kann es kaum ertragen. Also ist mein Schritt entschlossen, fest. Ich will nicht nach Angst riechen.
Doch Unheimliches liegt in der Luft heute nacht, keine Sanftheit und die Hoffnung liegt geschunden und schlafend in Hauseingängen und Rinnsteinen. Ich beschwichtige meine Sinne, wappne mich. Ich betrete das klaffende Maul des Hauseinganges, gehe rasch bis zu den Stufen, in die zementene Höhle, das tödliche Innere des Eingangs.
Angst wallt in meinem Körper auf. Ich blicke mich um, bereit mich zu schützen, mich zu wehren. Niemand. Im Geist übe ich die Abwehr, das Herz hämmert. Im Weitergehen denke ich, schaffe ich das ? Die Angst nimmt mir fast den Atem, lähmt mich. Nur noch ein paar Schritte. Ich sehe niemanden außer dem schwitzenden Mann, der im Hauseingang an der Treppe oben auf mich lauert, nach Alkohol stinkend, muskelbepackt und schmutzig. Er starrt mich an, voller Ironie, Abwertung und Gewalt. Aber schlimmer, er ist ein Mann ! Also ist er gefüllt mit Bildern, die ihm sagen, er wird gemessen an dem, was er sich nimmt. Nimm Geld. Nimm Sex. Er lauert auf mich, um mich zu nehmen.
Er kann nicht rechtmäßig nehmen. Sein Versagen im Leben schließt ihn aus vom Töten am Verhandlungstisch, Völkermord zu befehlen, das Land zu vergewaltigen. Dazu ist er zu unbedeutend, hat es zu nichts gebracht. Solch unheilvolle Taten stehen nicht in seiner Macht, so nimmt er mich, nimmt Sex, die männliche Alternative, vermarktet wie junk food; praktiziert eine Frau zu vergewaltigen, jede Frau.
Ich öffne meine Wohnungstür. Meine Gedichte und Geschichten, reich an Leben, ruhen auf meinem Schreibtisch. Meine Gedanken schweifen ab, als mein lächelnder Körper den Flur meiner Wohnung betritt : Nadine und Norman. Mein Familienkollektiv, verschwörerisch Gefühle aufs Papier bringend, Zeit stehlend von meinen vielfachen Verpflichtungen und den Schmerzen meiner Krankheit gezeichnet, die mich immer wieder in die Knie zwingt.
Eine Forschungsreisende bin ich auf meinem Weg, voller Mut. ( Diese Gedanken werden mich stärken ) Ich höre seine hastigen Schritte hinter mir, spüre seinen stinkenden, nach Alkohol riechenden Atem. Ich weiß was geschehen wird. Die Tür wird mir aus der Hand gerissen, ich bekomme einen Stoss, so dass ich auf den Flur falle als ich versuche, mich abzuschotten vom Mongolen, Osmanen, Wikinger, Sklavenhalter, Kreuzritter, G.I., den marodierenden Horden, Jahrhunderten von brutalen Männern, männlicher Gewalt, Vergewaltigern, voll von Monstern.
Ihre Schöpfung, ihr wahrer Gläubiger, schwingt seinen Arm, und meine Lippen, gegen die Zähne geschlagen, platzen auf. Brutale Farben brechen in den Flur hinein. Ein Höllenfeuer von schwarz und blau füllt den Raum. Ich atme Blut von meinen Lippen. Chaos. Sein Körper wirft sich mit Macht auf meinen. Er ist wahnsinnig, halluziniert, stöhnt. Seine Zunge, geschwollen vor Gewalt, sucht meinen Mund, der zum Schrei geöffnet ist. Aufruhr und Horror krümmen meinen Körper, festgenagelt auf dem Boden. Mein Kopf, Tod schreiend, explodiert vor Entsetzen, zerbirst in unzählige Stücke. Sein Knie zwischen meinen Beinen stößt mit wilder Gewalt zu, meine weichen Genitalien zu zerquetschen, wieder und wieder. Er zerrt an meinen Kleidern, schleudert Schläge gegen meinen Magen. Er ist wütend über meine Hose, die nicht aufgehen will, sich ihm nicht ergeben will. Eine Hand stößt in meine Hose, die andere greift nach der Tür, schlägt sie zu. Jeder Teil von mir, der weiblich ist, wird geschlagen, gestoßen, betatscht, beschimpft, vergewaltigt, gehaßt. Ich bin verloren in unerträglicher Einsamkeit. Panik hält meinen Geist gefangen und füllt mich mit Lähmung, bis der primitivste Teil meines Gehirns, Überleben, nacktes Überleben, nach Leben schreit.
Einen Moment lang herrscht Stille, so tief, so plötzlich, ein Ring der Stille umgibt mich wie eine Aura, während der Angriff weitergeht. In mir sind die Bilder starker Frauen, meiner Mutter, meiner Tochter, meines Heims. In diesem Moment sehe ich Hunderte von Frauen, mächtigen, liebenden Frauen, zu mir laufen in schweigenden Horden, unermüdliche Geister, nach mir verlangend, mich anflehend, gegen mein Nicht - Sein zu kämpfen, zu leben für alles, was noch ungelebt, ungesagt.
Sie heben meine Knie, befreien meine Füße, befreien mich von der Angst, wie ein Neugeborenes zu strampeln um mein Recht auf Leben, meine Lebenszeit. Das Strampeln wird stärker. Meine Beine sind gefordert. Sie bergen die Kraft von Millionen von Frauen, Jahrhunderten von Frauen, geschändet verbrannt ertränkt gefoltert vergewaltigt verarmt. Wir treten um unser Leben und nageln das Monster fest, seinen Rücken gegen die Tür. Einen Moment lang hört er auf. Ich höre auf. Keine Zelle regt sich. Sein Kopf fällt zurück gegen die Wand. Von tief innen, erst stöhnend, schreit er langsam : " Ich habe Angst !" Einhakend sage ich : " Lauf, lauf um dein Leben, sie kommen, alle, um dich zu holen !" Ich halte das Bild fest im Kopf : Die Frauen, die Frauen voll Liebe und Mut. Ich sehe es. Ich halte es fest. Ich flöße es ihm ein Wieder und wieder. " Lauf, lauf um dein Leben !" Bis er, endlich, sich abwendet, die Tür aufreißt die Scharniere verbiegend und läuft zu niemandem zu nichts mich zurücklassend, gezeichnet für immer, die blutigen Worte ausstoßend : " ........und euch sollen wir lieben ?"
Claudia Thiemann |