Hallo Ihr lieben Blümchen und Ihr stillen Mitleser!
Seit einigen Monaten lese ich immer wieder im Forum Eure Beiträge, fühle mit Euch, freue mich über kleine Fortschritte und bin traurig, wenn es wieder einen Rückschlag gab. Aus eigenem Erleben weiß ich, wie es ist, missbraucht und dadurch traumatisiert zu sein. Ich kenne die Übererregung, die Flashbacks, das Auf und Ab, die Trigger, die Angstzustände, die Hoffnung und dann wieder die Rückschläge, die Wahrnehmungsveränderungen, die innere Unsicherheit, Selbstverletzungen, das Gefühl bei vollem Bewusstsein verrückt zu werden, die Welt als fremd - als „Film“ - und nicht dazugehörend zu erleben usw..
Jahrzehnte lang habe ich durch meinen Vater emotionalen Missbrauch erlebt. Immer wieder hat er mir im bestimmenden Ton gesagt, dass ich unzureichend, unwissend, unmündig und nicht gut genug sei. Seine Erfahrungen, Anschauungen, Vorgaben und Regeln sollten mein Leben bestimmen. Es galt nur eine Meinung: Seine! Alles, was mich betraf, wollte er unter Kontrolle behalten. Vermutlich wollte er mich auf diese Art und Weise, so wie ein dreijähriges Kind, vor der „gefahrvollen Welt“ und den „bösen Menschen“ beschützen. Selbst als ich schon lange erwachsen war, hat er sich mir gegenüber noch so verhalten. Doch in dem ich innerlich „dicht“ gemacht habe, meine Gefühle abgespalten habe, mir immer wieder eigene Freiräume und Orientierung gesucht habe und es ihm gegenüber auch zaghaft angesprochen habe, konnte ich mich etwas dagegen schützen. Seelische Verletzungen, die sich unter anderem in psychosomatischen Beschwerden, in Selbstwertstörungen und in einer Beeinträchtigung meiner Gefühlswahrnehmung äußerten, waren der Preis, den ich für dieses Verhalten gezahlt habe. In diese Vorverletzungen hinein hat mich dann das Verhalten eines mir gut bekannten Menschen, dem ich vertraut habe, bei dem ich bis zu diesem Moment so sein konnte, wie ich bin und der mich nicht eingeengt oder bevormundet hat, traumatisch getroffen. Urplötzlich und ohne vorherige Anzeichen kam es zum Vertrauensbruch, zu falschen Beschuldigungen und damit verbundenen Machtmissbrauch. Es war so plötzlich und heftig, dass ich mich nicht dagegen schützen konnte, sondern dem Geschehen hilflos und ohnmächtig ausgeliefert war. Das Gefühl, dass damit mein wirkliches Sein vernichtet wird und ich nicht mehr ich selbst sein kann, hat in mir Todesängste erzeugt, meine Seele zerschlagen, zum Akuttrauma und nachfolgend zur PTBS geführt.
In den letzten 3 Jahren bin ich jedoch einen Weg gegangen, der mich fast vollständig da heraus geführt hat. Bis auf einen (gegenwärtig noch) aktiven Trigger konnte ich dadurch das Trauma auflösen. Ich weiß, dass es viele Wege gibt, um aus einer Traumatisierung herauszukommen. Hier möchte ich Euch von meinem Weg erzählen. Er ist jedoch nicht einfach und gleich gar nicht schmerz- und triggerfrei, aber – so meine Erfahrung - heilsam. Dazu müsst Ihr wissen, dass ich an den Gott glaube, der sich in der Bibel offenbart und sich uns in Jesus Christus zeigt. Die Aussagen und Vorgaben der Bibel sind für mich Orientierung. Bei allem weiß ich jedoch, dass Bibelverse manchmal auch dazu benutzt werden, um andere klein, abhängig oder unmündig zu halten. Was aber absolut nichts mit dem Glauben an Jesus Christus und dem, was die Bibel lehrt, zu tun hat! Wer das Neue Testament (also den Teil der Bibel, der mit der Geburt von Jesus Christus beginnt) genau liest, der wird feststellen, dass, wenn Schandtaten begangen werden, da nichts von „kuschen“ steht, sondern „an- und aussprechen“. In der gesamten Bibel wird begangenes Unrecht aufgezeigt und schonungslos beim Namen genannt. Es wird nicht verschwiegen oder „schöngeredet“. In der Bibel zeigt Gott auch den Weg zur Aufarbeitung, Vergebung und Versöhnung, also zur Veränderung. So ermutigt Gott zum Beispiel im Neuen Testament, Matthäus 18, Vers 15 und folgende, dazu, begangenes Unrecht auszusprechen. Auf dieser Basis habe ich das gegenüber dem Verursacher, auch unter Einbeziehung von anderen Menschen, mehrfach getan. Es war eine sehr heftige und schmerzhafte Zeit (ca. 1½ Jahre), mit sehr vielen Triggern. Doch genau dieses darüber Reden und „Kämpfen“ hat eine tiefere Chronifizierung der PTBS verhindert. Gemeinsam mit einem Seelsorger habe ich auch geprüft, ob es ein schuldhaftes Verhalten meinerseits gab, das die Tat begünstigt hat. Doch wir haben nichts gefunden. Meine Möglichkeiten waren damit gegenüber dem Verursacher ausgeschöpft. Doch Gottes Möglichkeiten reichen weiter, viel weiter. Gott hat in der Bibel versprochen: „Es ist meine Sache, das Unrecht zu rächen.“ (Bibel, Neues Testament, Römer 12, Vers 19). Und in 1.Petrus Kapitel 5, Vers 7 steht die Aufforderung: „Werft in Demut alle eure Sorgen auf ihn (Gott), denn er sorgt sich um alles, was euch betrifft.“. In diesem Bewusstsein habe ich die Angelegenheit an Gott delegiert. Er ist derjenige, der über die begangene Tat richten wird oder nach seinem Willen in das Geschehen eingreift … und Gott hat zu seiner Zeit und nach seinem Willen in das Geschehen eingegriffen: Der Verursacher ist dabei, seine eigene Vergangenheit aufzuarbeiten.
In der nächsten Phase habe ich auf unterschiedlichen Wegen – soweit möglich – verstehen gelernt, was vermutlich die Ursachen für das Verhalten des Verursachers und seine Motive waren und warum ich es so heftig empfunden habe. Dabei ist für mich aus dem „Übermächtigen“ der „Ängstliche“ und „Schwächere“ geworden. So bin ich Schritt für Schritt aus der „Opferrolle“ herausgekommen. Aus dieser „gleichwertigen“ Position heraus, habe ich dann dem Verursacher vergeben können. Das heißt nicht, dass ich die begangene Tat und die Jahre der Traumatisierung nun einfach weglasse, verharmlose, beschönige oder das Verhalten des Verursachers gutheiße, sondern dass ich dieses Ereignis in meine Vergangenheit eingeordnet habe, mit den dabei gemachten Erfahrungen meinen Weg weitergehe und es mein Verhalten gegenüber dem Verursacher nicht mehr belastet.
Doch auch nachdem ich vergeben hatte, waren immer noch jede Menge Trigger da. Deshalb habe ich angefangen genau zu beobachten, was ganz konkret wann und warum triggert – Situationen, Orte, Worte, Gesten, Gedanken, Gefühle, einfach alles. Jede einzelne auslösende Situation konnte ich so erkennen und einzeln bearbeiten, in Form von Umbewerten, Umdenken, Vermeiden (Ist zwar nicht die beste Lösung, aber manchmal geht es halt nicht anders.), Verhaltensänderung usw.. Dieser Weg hat viel Mut, Disziplin, ein Dranbleiben und in die Tiefe der eigenen Seele gehen erfordert. Das war nicht immer einfach und hat manchmal wehgetan, doch es hat letztendlich zum Auflösen der Trigger geführt. Ein Traumaberater hat mich dabei begleitet.
Während der gesamten Zeit habe ich immer wieder im Gebet mit Gott gesprochen und ihn gefragt, was ich tun soll und ihn gebeten, dass er mir Antwort auf meine Fragen gibt. Er hat mir geantwortet und mir gezeigt, was mir bis dahin noch verborgen war, wie ich mit dem Erkannten umgehen soll, wie ich es in mein Leben integrieren oder es verwerfen soll. Er hat meine Gebete erhört und mir geholfen, so dass meine Seele wieder heil geworden ist. Sogar den „Sicheren Ort“ hat er mir in einem Traum gezeigt – Gott selbst ist der „Felsen“, der mich trägt, mir Liebe, Wert, Halt, Schutz und Freiheit gibt. Gott hat mich den gesamten Weg begleitet. Er war immer ganz nah bei mir und lässt mich auch jetzt nicht allein.
Auch die seelischen Verletzungen, die ich durch das Verhalten meines Vaters bekommen habe, sind auf erstaunliche Weise geheilt. Aber das ist eine andere Geschichte. Wer sie wissen möchte, der darf mich gern danach fragen.
|