Grund zum Feiern? 26.09.2006
Gerade habe ich die Kerzen ausgepustet, neun an der Zahl. So viele Jahre ist es jetzt her, die erste konkrete Erinnerung an den sexuellen Missbrauch durch meinen Vater. Die Kerzen sind ein Symbol für so etwas wie ein zweites Ostern, einen zweiten Geburtstag.
Nach Wochen voller panischer Angst und schwarzen Wänden, die damals auf mich zukamen, wenn ich beten wollte, wurde die Gestalt aus meinen immerwährenden Alpträumen konkret: der sprichwörtliche schwarze Mann, ein stetiger unwillkommener Gast, verwandelte sich zurück in meinen Vater. Es war wie eine Erlösung, endlich eine Erklärung zu haben für die Ängste, die mich heimsuchten und sich immer mehr steigerten, für meine seltsamen Verhaltensweisen, die mir unerklärlich waren. Ich war nicht verrückt. Ich hatte meine Vergangenheit verdrängt, bis auf wenige Erinnerungen meine gesamte Kindheit, insbesondere meinen Vater, vergessen. Zwei Jahre zuvor war mir die Frage gestellt worden: „Sind Sie sexuell missbraucht worden? Hat Ihnen jemand Gewalt angetan, Ihre Grenzen überschritten?“ Die Zeit war nicht reif. Ich vergaß die Frage wieder.
Jetzt war eine Beraterin an meiner Seite, der ich erzählen konnte. Wie ein alter Kleiderschrank, den man öffnet und dessen gesamter Inhalt einem gleichzeitig entgegen fällt, so prasselten Erinnerungen über mich herein, in Form von stehenden Bildern wie Schwarzweißfotos. Viel schlimmer noch, als Körperempfindungen in geballter Form von Erbrechen und ständigen Ekelgefühlen über Schwindel und Zittern bis zu heftigen Migräneattacken. Manchmal dauerte es Wochen, bis ich das malen konnte, was ich sah, und bis ich beschreiben konnte, Worte fand für das, was ich gemalt hatte. Aber es gab nicht die geringste Möglichkeit, das Maß der Erinnerungen und die Intensität zu steuern. Es war eine schlimme Zeit, hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis nach Zärtlichkeit und der Unfähigkeit, mich von meinem Ehemann berühren zu lassen. Ich war bis über die Grenzen des Erträglichen hinaus belastet und hatte äußerst konkrete Selbstmordpläne, über die ich mit niemandem redete. Eigentlich hielten mich nur der Gedanke an meine Kinder, die dann mutterlos aufgewachsen wären, davon ab und die Unsicherheit, ob Gott mir vergeben würde.
Es blieb ein grauer Schleier über allen Erinnerungen. Sie waren bruchstückhaft, undeutlich. Damals dachte ich noch, es ist vielleicht wenige Male passiert in meinem Leben. Ich hatte kein wirkliches, empfundenes Bild von mir selbst in den Erinnerungen, geschweige denn irgendwelche Gefühle außer Angst und Ohnmacht. Aber ich begriff die Logik, nach der ich gelebt hatte, wie und warum ich mich geschützt hatte, mit welchen Mitteln ich all die Jahre überlebt hatte. Ich hatte mich in der Musik ausgedrückt und unbewusst mitgeteilt, war auch sonst schöpferisch tätig gewesen; ich hatte mich dauernd selbst überfordert und war niemals wirklich zur Ruhe gekommen. Ich verstand, dass Gott anders ist als mein Vater, dass ich seine geliebte Tochter bin. Ich wusste nun, weshalb ich in bestimmten Situationen mich innerhalb von Sekundenbruchteilen so fühlte, als hätte mich jemand abgestellt. Bestenfalls war ich für einen kurzen Moment wie weggetreten und fühlte mich danach benommen, wie von meinen sämtlichen Empfindungen abgeschnitten, schlimmstenfalls fehlte mir eine unterschiedlich lange Zeitspanne vollkommen. Ich begann zu identifizieren und zu hinterfragen, was die Auslöser waren. Ich begab mich im Rahmen meiner Belastbarkeit in Situationen, die ich immer kategorisch gemieden hatte.
Ich konfrontierte erst meinen Vater alleine, dann meine Eltern zusammen mit dem Missbrauch. Mein Vater stritt alles ab, aber ich sehe die Schuld in seinen Augen, wenn wir uns – selten genug - begegnen. Meine Mutter sagte: „Wenn ich das glauben würde, müsste ich ihn verlassen“, und beschloss, es wie damals nicht zu glauben. Meine Schwestern hörten mir zu, mit großen, aufgerissenen Augen und erwähnten das Thema niemals wieder. Ein Gespräch mit meinem Bruder folgte Jahre später, um ihn vor der Gefahr, die seinen Töchtern durch unseren Vater droht, zu warnen. Er redet zwar nicht darüber, aber er hat es immerhin nicht vergessen.
Der Kontakt zu meiner Beraterin endete abrupt, weil mein Mann viel früher als ich erkannte, dass ich in eine ungute Abhängigkeit geraten war. Er stellte mich vor ein Ultimatum: er oder sie. Es war brutal. Es war, als würde ich erneut erfrieren, als Gefühlstote leben, weil ich unvorbereitet mit den vielen Gefühlen, die ich vorher aus gutem Grund nicht zugelassen hatte, alleine fertig werden musste.
Ich richtete mich ein in einem Zustand, der sich anfühlte, wie mit einem Auge zu sehen oder nur einen Arm zu haben. Ich fühlte mich behindert und brauchte lange, um sicher zu sein, dass mir nicht jeder meinen Zustand wie auf der Stirne geschrieben ansieht. Ich versuchte, alle Zeitungsartikel oder Filme, die sexuellen Missbrauch oder rohe Gewalt thematisierten zu meiden. Ich wusste auch, wann ich keine Leber schneiden konnte, mich lieber nicht auf eine Leiter stellte, Menschenmengen mied und wann ich statt des Aufzuges die Treppe nahm. Ich dachte, ich könne so alt werden.
Dann strebte ich eine ehrenamtliche Ausbildung an. Schon in dem allerersten Gespräch erzählte ich vom sexuellen Missbrauch: „Wollen Sie so etwas wie mich überhaupt?“ Sie wollten mich und ich geriet in ein Abenteuer. Immer wieder wurde ich mit Punkten konfrontiert, wo ich mich einigermaßen mit mir arrangiert hatte, aber wo etwas ganz und gar nicht in Ordnung war, und immer wieder gab es Momente, in denen ich eigene oder fremde Gefühle nicht wahrnahm und sich etwas in mir „abgestellt“ anfühlte, oder viel mehr eben nicht anfühlte. Ich merkte, wie oft ich mit Schnelligkeit oder mit meinem wachen Verstand dieses Manko ausgeglichen hatte. Ich merkte, wie viel schützende Distanz ich nach wie vor mit mir herum trug. Ich spürte, wie wohltuend achtsamer Umgang miteinander ist, wie viel Vertrauen ich nach und nach in der Gruppe wagen konnte. Während eines Fortbildungswochenendes, bei dem es um Ressourcen ging, kam ich statt bei den Ressourcen bei meinen Ängsten an. Wie zuvor waren sie so gut wie unsteuerbar. Ich erfuhr von Traumatherapie: Traumata wie auf einer Leinwand als inneren Film ansehen, aber in sicherer Entfernung und mit Möglichkeiten der Steuerung.
Drei Monate rang ich mit mir und suchte nach einer Therapeutin, von der ich sehr konkrete Vorstellungen hatte. Das Ergebnis nach drei Jahren: Es hat niemals in meinem Leben etwas auch nur annähernd so viel gekostet. Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich den Mut dazu nicht aufgebracht. Ich lernte, mit dem Kind, was ich einst war, Kontakt aufzunehmen. Eine riesengroße Sehnsucht in mir wurde berührt. Es begann etwas heil zu werden, was sich immer nur kaputt und vollkommen unzugänglich angefühlt hatte. . Ich wurde fähig, mich vor meinen schrecklichen inneren Bildern in Sicherheit zu bringen und für mich zu sorgen. Die Imaginationsübungen, die ich nun unter Anleitung meiner Therapeutin erlernte, sind eine reiche Quelle, aus der ich schöpfen kann. Zu erkennen, wie gut ich schon damals für mich gesorgt hatte und das kleine Mädchen zu achten und zu würdigen, veränderte meine ganze Sichtweise. Ich begann ungeduldig zu werden und wollte nun endlich die Erinnerungen als Film ansehen, die mich belasteten. Gott sei Dank bremste mich meine Therapeutin, bis ich genügend Möglichkeiten entwickelt hatte, mich zu trösten und mich von den Erinnerungen wieder zu distanzieren. Jedes einzelne Screening war so anstrengend wie die Geburt meiner Kinder. Jedes Screening kostete alle Kraft, die ich besaß und absolut allen Mut. Jedes Screening machte so viel endgültig und unwiderruflich heil, wie ich niemals für möglich gehalten hätte. Sehr langsam und mühsam konnte ich Scham- und Schuldgefühle abschütteln, Verzweiflung, Schmerz, Ohnmacht, Todesangst und tiefste Verlassenheit hinter mir lassen. Es gibt keine Auslöser mehr, die mich behindern, mich auf hohen Türmen, in engen Räumen oder in Menschenmengen zu bewegen. Ich bin mit allen meinen Gefühlen verbunden und kann mit ihnen umgehen. Die positiven Kognitionen, die ich gefunden habe, sind ein riesengroßer Schatz. Ich bin so lebendig und frei, wie ich nicht einmal zu träumen wagte.
Nach und nach kamen immer mehr konkrete, vollständige Missbraucherinnerungen ans Licht, weil sie nicht mehr unerträglich waren. Ich weiß jetzt, dass mein Vater mich oral, vaginal und anal missbraucht hat. Es war mein Alltag und zog sich über mindestens zehn Jahre hin. Mein Vater hat mich mit widerlichem Sadismus geschlagen und mich konkret und handgreiflich mit dem Tode bedroht. Meine Mutter hat es mehrmals gesehen und mir in keiner Weise geholfen. Ich habe noch Kontakt zu meinen Eltern, aber ich weiß noch nicht, ob ich ihn weiter will. Ich weiß, dass Gott nicht von mir erwartet, ihnen zu vergeben. Ich habe den Wunsch, das Geheimnis meinen Kindern gegenüber aufzuheben und weiß, dass jetzt, mitten in ihrer Pubertät, nicht der richtige Zeitpunkt dafür ist. Das Bild ist vollständig. Mehr muss und will ich nicht wissen. Ich bin sicher, was auch immer wann und warum auch immer mich an Erinnerungen heimsuchen könnte, ich kann es, jedenfalls langfristig, verarbeiten und werde Worte dafür finden. Was für ein großes Gefühl von Freiheit!
Es gibt noch immer Tage, an denen ich fast verzweifle, mit Körpererinnerungen, die beinahe unerträglich sind und mit einem Sog, der mich unerbittlich in die Vergangenheit reißt. Eigentlich wird es jedes Mal heftiger, weil ich nicht mehr so viel verdränge; aber ich weiß aus Erfahrung, dass die Täler kürzer werden und nicht mehr so tief sind. Ich betrachte es nicht mehr als Scheitern, wenn ich mit mir allein nicht zurechtkomme, sondern als Entwicklung, bei der ich professionelle Hilfe brauche. Ich rechne damit, dass es diese Tage gibt, wo aber auch gar nichts geht. Dann mache ich mir wenigstens nicht noch selber das Leben mit Durchhalteparolen und Schuldvorwürfen schwer.
Es sind knapp 80 Gedichte und mehrere Geschichten entstanden, in denen ich versuchte, meine Gefühle auszudrücken. Sie sind teuer erkauft, ein kostbarer innerer Besitz. Meine Therapeutin ist ein Gottesgeschenk für mich. Ich weiß, dass ich dazu neige, sie zu idealisieren und zu meiner guten Mutter zu machen. Es wird mir gelingen, mich von ihr zu verabschieden, wenn es an der Zeit ist. Es bleiben offene Enden, die ich einstweilen so lassen kann. Es bleibt ein Gefühl von Mangel und ungestillte Sehnsucht. Vielleicht brauche ich diese wunden Stellen, um einfühlsam und geduldig zu sein, um achtsam mit meinen Kräften umzugehen.
Inzwischen sind es genau genommen zwei „innere Kinder“, mit denen ich mühelos und stetig in Verbindung bin: ein kleines Mädchen von vielleicht fünf Jahren; sie ist fast immer glücklich und geborgen und ein Teenagerteil von vierzehn, fünfzehn Jahren. Der ist manchmal sehr sperrig und stur und bleibt bisher sehr, sehr traurig. Es ist immer eine Gratwanderung, ihn nicht zu vernachlässigen und dennoch dem Alten nicht zu viel Gewicht zu geben. Probleme, die ich früher rein kognitiv gelöst habe, bespreche ich heute mit meinem „inneren Team“. Ich kann jetzt auf mein „Bauchgefühl“, meine Intuition vertrauen. Meine „inneren Helfer“ sind zur Stelle, wenn ich sie brauche. Weil meine Innenwelt ein großer Schatz geworden ist, kann ich die Außenwelt viel differenzierter wahrnehmen. Die Menschen, die mir etwas bedeuten, wissen von dem sexuellen Missbrauch. Ich kann meistens mit der nötigen Distanz darüber reden und habe festgestellt, dass das Vertrauen, das ich wage, nicht enttäuscht wird. Ich merke, dass ich auch sehr viel zu geben habe, durch das Leid, das ich kenne und verstehe und in meiner Fähigkeit, zuzuhören. Ich kann meine Tränen zulassen und erlebe, wie wohltuend eine Umarmung, ein Streichen über die Schulter sein kann. Früher habe ich diese Berührungen nicht ertragen.
Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, die Missbraucherinnerungen zu verdrängen und mit den Einschränkungen zu leben oder sie zuzulassen und zu verarbeiten, würde ich mich ohne zu zögern wieder auf den Weg machen.
Mein Leben ist reich gesegnet von Gott. Unsere Ehe wird wohl nie langweilig werden; wir sind stolz auf unsere beiden Söhne, die selbstständig und vielseitig sind. Die Natur, die Musik und mein Glaube sind wichtige Kraftquellen für mich. Ich habe verlässliche, gute Beziehungen zu meinen Freundinnen. Gespräche, die das Thema Sexualität und Gewalt berühren, führe ich mit großer Wachsamkeit. Ich kann klare innere und äußere Grenzen setzen. Nachdem meine Arbeitsstelle Sparmaßnahmen zum Opfer fiel und eine Besserung im ganzen Berufsstand nicht abzusehen ist, habe ich mich entschlossen, eine vollzeitliche Ausbildung zu machen, die noch über zwei Jahre dauern wird. Sie fordert mich und meine Familie. Ich weiß, dass ich dafür genug Energie haben werde, denn ich habe alles, was ich brauche: Hoffnung und Mut und Vertrauen. Ich schleppe nach wie vor eine dicke, schützende Hülle mit mir herum. Mein großer Wunsch ist, das Leben leichter zu nehmen, buchstäblich leichter zu werden.
So schön war das Leben noch nie! Selbst die vor mir liegenden trüben, kalten Wintertage kann ich gelassener auf mich zukommen lassen. Die Missbrauchserinnerungen sind ein Teil meiner Lebensgeschichte, ein wichtiger Teil, aber kein beherrschender, verdrängter Teil mehr. Nur ein Teil unter vielem anderen.
Ja, es gibt einen Grund zum Feiern: ich habe überlebt! Und es gibt Grund genug, dankbar zurück zu blicken: wohin ich will, ohne mich zu fürchten.
Nachwort meiner Website, darauf sind meine Gedichte
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