Liebe Überlebende,
ich bin nun 45 Jahre und habe meine ganze Lebensgeschichte über ca. die letzten 12 Jahre sukzessive zusammengetragen (Jugendamtsakten, Heimakten, Konfrontation mit meinem Vater, Gespräche mit Lehrer und Heimleitung), erarbeitet (Flashbacks, Therapie, Klinikaufenthalte) und versucht zu verarbeiten. Während dieser 12 Jahre stellte ich immer häufiger fest, dass ich so gut wie nichts aus meiner Vergangenheit wußte bzw. verdrängt habe. Das, was ich wußte waren auch zum überwiegenden Teil die Berichte und Erzählungen meiner Pflegemutter, einer Mittäterin.
Vielleicht kurz die entscheidensten Ereignisse in meinem Leben: Zeugung während eines one-night (or day)-stands Geburt durch eine Mutter, die höchstwahrscheinlich selbst hochtraumatisiert war Vernachlässigung durch die Mutter (Nachbarn hörten den Säugling nicht mehr schreien und riefen die Polizeit) 1. Heimunterbringung im Alter von 6 Monaten Im Alter von 2 Jahren Aufnahme in die eheliche Gemeinschaft meines Vaters (15 Jahre ältere Frau) sexueller Mißbrauch durch den Vater über 2 Jahre mit Wissen dessen Frau Auseinanderbrechen und Scheidung dieser Beziehung Verbleib bei meiner Stief-(Pflege-)Mutter. Erneute Heirat meiner Pflegemutter (wieder ein jüngerer Mann, Alkeholiker und auf der rechten Seite unterschenkelamputiert) Zwischen meinem 5. und 8. Lebensjahr erlebte ich immer wieder exssesive Gewaltausbrüche (körperliche, psychische und emotionale Mißhandlungen - vorzugsweise nachts) Am 16.12.1968 wurde ich endgültig in ein Heim abgeschoben. 10 Jahre Kampf um Anerkennung, Liebe (was ist das?), Wahrnehmung meiner Person (wer bin ich?) Nach meiner Ausbildung und Heimentlassung sehr schnelle Heirat mit meinem 1. Mann (ebenfalls Alkeholiker, körperliche, psychische und emotionale Mißhandlungen) 1981 erster epileptischer Anfall (kein pathologischer Befund!) 1982 Trennung, 1984 Scheidung von meinem 1. Mann Die folgenden 10 Jahre waren der "Tanz auf dem Vulkan" ( an Wochenenden Diskotheken- und Kneipenbesuche, zuerst häufig wechselnde Männerbekanntschaften, dann Verhältnisse zu verheirateten Männern) Weihnachten 1991 erlitt ich eine Fehlgeburt (ich war schwanger von einem verheirateten Mann) danach folgte meine erste richtig tiefe Depression und ich kam zum 1. Mal in eine Psychosomatische Klinik.
ICH ERHIELT DIE MÖGLICHKEIT MICH AUF DEN LANGEN WEG ZU MIR SELBST ZU MACHEN
Der überwiegende Teil der oben beschriebenen Begebenheiten sind Ergebnisse eines sehr schmerzvollen Erfahrungsprozesses.
Lange, sehr lange fragte ich mich und mein Umfeld immer wieder: "WARUM ich"? Diese Frage gipfelte 1995 in einem Suizidversuch. Mein Therapeut äußerte auf diese Frage einmal "Du warst zur verkehrten Zeit am verkehrten Ort".
1998 suchte ich meinen Vater auf und konfrontierte ihn mit meinen Ergebnissen. Hier erlebte ich erstaunliches. Ich hatte fürchterliche Angst vor der Begegnung; immer wieder habe ich mir gesagt "ich bin nicht mehr schutz- und wehrlos und ich will vor allem das immer wiederkehrende Gespenst in seine Schranken weisen". Als mein Vater mir die Türe öffnete, stand vor mir ein alter, gebrechlicher Mann. ICH MUßTE MICH GAR NICHT GEGEN IHN WEHREN. Eine Erkenntnis, die mein Leben bzw. meine Einstellung dazu ändern sollte. Ich begann zu fragen: WOZU ich?
Ich bin heute eine Frau, die sehr traurig über das Erlebte in ihrer Kindheit ist, die mitunter sich nichts sehnlicher wünscht, als einmal zu spüren, wie es sich anfühlt als Kind über den Kopf gestreichelt zu werden oder einfach nur als Kind gehalten zu werden. Ich weiß, dass diese Wünsche unerfüllbar bleiben werden, da mein Kindheit vorbei ist. Ich weiß auch um meine Defizite was Vertrauen, Selbstwertgefühl, Liebensfähigkeit und Liebe erkennen, anbelangt. Und dennoch ...
Ich habe es geschafft. Ich bin zum 2. Mal verheiratet, langsam aber sicher nehme ich meinen Körper und meine Gefühle immer deutlicher und öfter wahr. Und nicht nur dass, für mich ist im Leben nichts selbstverständlich oder bedeutungslos. Ich liebe das Leben, mein Leben, seine Vielfalt und dessen unendlicher Facettenreichtum.
Ich habe während meiner letzten beiden Klinikaufenthalte das Malen für mich entdeckt. Eine ganz neue Welt der Ausdrucksform eröffnete sich für mich.
Zur Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse haben mir, neben der Aufenthalte in der Psychosomatischen Fachklinik St. Franziska Stift in Bad Kreuznach und und mein wunderbarer, strenger aber auch verständnisvoller Oberguru (mein Therapeut), auch sehr die Feldenkrais- und EMDR-Therapien geholfen.
Mein Leben hat einen Sinn; jedes Leben hat einen Sinn, alles im Leben hat einen Sinn. Hierin bestehen unsere Lebensaufgaben - das ist meine Einstellung und meine Lebensphilosopie. Vielleicht kann ich gerade aus meinem Erlebten die Kraft und den Mut ziehen, in dieser Welt zu bestehen, meinen Weg zu suchen, zu finden und mein Leben zu lieben.
Nichts ist oder geht verloren in der Unendlichkeit des Universums. Alles, was ich erlebt habe, führte mich zu meinem nächsten Erleben. Ich alleine bin dafür verantwortlich, was ich aus meinem Erlebten lerne, wie ich es werte, was ich daraus für Schlußfolgerungen ziehe und wie ich damit mein künftiges Leben gestalte.
Dies ist nun ein besonders langes Statment geworden - ich hoffe, dass ich hiermit niemandem zu nahe getreten bin, falls doch, tut es mir Leid.
Ich wünsche Euch und mir immer soviel Achtsamkeit wie möglich.
In Verbundenheit Marion
Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer ;-) |