Als stiller Leser von Schotterblume, möchte ich heute auch einen kleinen Beitrag hier einfügen. Finde die Seite sehr sinnvoll, denn es ist wichtig zu sehen, dass es weiter geht, dass ein Leben mit dem Missbrauch möglich ist und das man durchaus eine glückliche Zukunft haben kann!
Ich (38), gehe seit ca. 3 1/2 Jahren meinen Weg der Heilung. Meine ersten Gadanken, als ich die Erinnerungen zuließ, waren: Das kann doch gar nicht sein - nein, so etwas ist dir nicht passiert - Einbildung! Sehr schnell muste ich begreifen, dass rein gar nichts Einbildung war. Zu schrecklich die Bilder und Gefühle, die ich nicht zuordnen konnte. Mein erster Versuch, es meinem damalige Therapeuten zu sagen, schlug extrem fehl. Seine Antwort auf mein vorsichtiges Erzählen war: Sind sie sicher, dass sie sich das nicht alles einbilden?! Schluss, Aus, Ende - all mein Mut war auf der Stelle weg durch seine 'nette' Äußerung. Gott sei Dank hatte ich mittlerweile ein paar Kontakte im Internet, sie bauten mich auf und verhinderten so das Schlimmste. Mit all meinem Mut fing ich an eine Homepage zu erstellen, die Kontakte zu Betroffenen gaben mir immer wieder Kraft und Zuversicht. Doch das dunkle Chaos wich nicht von meiner Seite.
Ein paar Monate später lernte ich Ralf Graner kennen. Durch einen zufälligen Besuch auf seiner Homepage entstand ein sehr netter, herzlicher Kontakt. Durch ihn bin ich auf das Bittere Tränen Projekt gestoßen, wo ich nun auch seit drei Jahren mitwirke. Erst durch diese Kontakte wurde mir bewusst, dass ich mich vorwärts bewege. Vorher konnte ich meine kleinen Schritte nicht erkennen. Was ich brauchte war nicht 'allein' der Kontakt zu anderen Betroffenen, vielmehr war es die positive Sicht, dass es voran gehen kann und wird - sofern ich mich an diesem Weg beteilige. Das Bittere Tränen Projekt wollte eine neue Anthologie rausbringen. Thema: Heilung! Ich dachte die ganze Zeit, dass ich da sowieso keinen Text von mir beisteuern konnte. Bis mir auf einmal wirklich klar wurde, dass Heilung nicht bedeutet alles hinter sich zu haben. Nein, Heilung ist der Weg der Verarbeitung - sie fängt an, sobald wir uns auseinandersetzen mit unserer Vergangenheit. Und ich konnte doch etwas von mir mit ins neue Buch einbringen - das war eine sehr wichtige Erkenntnis für mich!
Ich konnte mit der Zeit mehr schreiben, meine Homepage wurde erweitert bzw. es kamen neue dazu. Ich entdeckte, das kreatives Verarbeiten für mich der Schlüssel ist, um an meine tief versteckten Gefühle zu kommen. Und ich entdeckte, dass Hoffnung, Glauben und Liebe ein wichtiger Bestandteil sind. Ich benenne dies als meinen Schalter zum Licht, den ich immer betätigen kann, wenn es notwendig ist. Durch den Austausch konnte ich dann auch immer mehr erkennen, was mich selber bewegt, manchmal einfach nur durchs Lesen von Beiträgen anderer Betroffener.
Heute ist es so, dass ich mich immer noch auf meinem Weg der Heilung befinde - doch mit ganz anderen Sichtweisen, Hilfen und mit Selbstkenntnis. Ich habe - gerade im letzten Jahr - Wege geschafft, die mich stolz gemacht haben (war z. B. in Göttingen beim Aktionsstag) Habe mich getraut noch etwas mehr aus meiner Anonymität zu kommen, in dem ich auch auf nicht themenbezogenen Seiten über Missbrauch schrieb. Ich wage mich immer ein Stückchen weiter und sehe auch so meine kleinen Schritte.
Ich bekomme oft zu hören (z. B. von Betroffenen, die am Anfang ihres Weges stehen) wieviel Mut und Kraft doch in mir stecken muss. Und ja, ich kann dies jetzt annehmen! Ich weiß, dass ich sehr viel Kraft und Stärke besitze. Trotzdem geht es auch mir immer mal wieder schlecht, doch kann ich mir jetzt sagen: Ich komm da wieder raus, muss die Ursache finden, verarbeiten und es wird weiter gehen. Schaff ich es allein nicht, dann wende ich mich an mir bekannte Foren, wo ich Vertrauen habe und schreibe meine Gefühle und Gedanken nieder. In diesem Austausch finde ich meistens die Gedanken und Gefühle wieder, die ich für den Moment brauche.
Zu meiner Situation gehört aber auch meine Familie (mein Mann und meine vier Söhne) - wo ich zeitweise immer noch mit Schuldgefühlen kämpfe. Bei uns steht jetzt die Trennung an - mein Mann kann nicht mit mir und meiner Thematik umgehen. Er kann keine emotionale Bindung mit mir aufnehmen, dafür reicht seine Kraft nicht mehr aus. Ich finde dies mehr als schade und es fällt mir auch schwer damit klar zu kommen, aber ich bin ihm auch dankbar, dass er mir dies jetzt ehrlich sagen konnte!
Jetzt stehe ich allerdings wieder an einem ähnlichen Punkt wie zu Beginn meiner Verarbeitung. Ich habe große Angst, weiß nicht, ob ich diesen Weg auch schaffe. Aber es ist auch kein Wunder, dass ich so verängstigt bin. Ich begebe mich gerade auf einen direkten Weg, um alte Verhaltensmuster, die jahrzehntelang da waren zu durchbrechen. Ich nehme mich und meine Ängste an, ziehe sozusagen in einen weiteren Kampf, um mich wieder zu finden. Klar, ich bin die ganze Zeit dabei, doch waren dies sozusagen Vorbereitungen für diesen Weg. Denn hierfür brauche ich die Erkenntnis, dass alles seinen Sinn hat, dass ich auch aus einem Loch wieder rauskomm, dass der Glauben mich unterstützt und ich nie die Hoffnung aufgeben darf. Es gibt überall hilfreiche Hände, man muss sie versuchen zu erkennen und seine Scheu überwinden um sie annehmen zukönnen.
Zurzeit befasse ich mich mit meinem inneren Kind - versuche den Kontakt zu halten und nicht wie sonst, immer mal wieder abbrechen zu lassen. Habe erkannt, dass dies sehr wichtig ist - für mich - meine Heilung - mein Leben. Denn meine Kleine hat sich vermehrt bemerkbar gemacht, indem sie trotzig und stur rebellierte. Jetzt ist es an der Zeit, ihre Gefühle zu erkennen und ihr hilfreich zur Seite zu stehen.
Meinen Weg der Verarbeitung bin ich ohne ambulante Therapie gegangen (die ambulante Gesprächstherapie von 50 Std. damals bezog sich auf Depressionen und Ängste. Als traumatische Ereignisse in den Vordergrund traten, habe ich den Therapeuten verlassen. Es ging einfach nicht. Und bis heute habe ich leider hier bei uns noch keinen Thera gefunden, der Traumatherapie anbietet) Hatte dafür aber drei traumatherapeutische Klinikaufenthalte, wovon zwei mir sehr geholfen haben. Meinen Weg allein zu gehen, macht mir auch Angst, doch ich will und kann nicht warten, bis ich andere Hilfe bekomme. Möchte aber dennoch jedem raten, sich nach Möglichkeit therapeutische Hilfe zu suchen und anzunehmen, denn es ist hilfreicher nicht allein da durch zu müssen!
Ich habe noch nicht das glückliche Leben gefunden, welches ich suche, doch ich weiß, dass ich auf dem Weg dorthin bin!
Und jedem, der noch (immer) zweifelt, der noch (immer) Angst hat, weil er seine Gefühle nicht zuordnen kann, möchte ich sagen:
"Ihr seid nicht allein - denn wir sind eine Gemeinschaft, wo es nicht immer vieler Worte bedarf, weil wir gemeinsam fühlen, trauern, reden, zuhören und hoffentlich auch lachen!"
Ich wünsche euch Kraft und Zuversicht! Ika |