| seelische gewalt die bis heute wirkt | 11.05.2004 14:59 | ich komme aus einer "normalen" familie. mein vater ist beamter, meine mutter arbeitet in einem sozialen beruf, wir haben ein großes einfamilienhaus in schöner lage mit ordentlichem garten.
meine eltern wollten einen jungen und haben alles erdenkliche dafür getan – aber ich wurde ein mädchen, die erstgeborene, das wunschkind. wahrscheinlich habe ich es gespürt, dass für mich ein anderes geschlecht vorgesehen war, denn ich habe mit autos gespielt, bin auf bäume geklettert, war wilder wie jeder junge meines alters und habe alles mädchenhafte wie puppen, röcke, etc. verabscheut.
als ich vier war wurde mein bruder geboren. ab diesem zeitpunkt war ich nicht mehr existent. mein bruder hatte narrenfreiheit, er konnte anstellen was er wollte – die schläge dafür habe ich kassiert, schließlich muss ich ja auf meinen bruder achten. dass der kleine drecksack das ausgenutzt hat, kann man sich vielleicht denken. ich wurde nur zur kenntnis genommen wenn ich gute schulnoten mit nach hause brachte, im sport erfolgreich war, einen auftritt mit meiner tanzgruppe hatte. wenn ich mit einer "3" nach hause kam hagelte es schläge, beschimpfungen und verbote (stubenarrest, ausgehverbot am wochenende etc.) – wenn mein bruder mit der gleichen note bewertet wurde, gab es eine belohnung. ich musste neben der schule immer arbeiten gehen um mir meine kleidung finanzieren zu können (gabs nur zu weihnachten oder zum geburtstag), mein bruder wurde natürlich auch unterjährig schick eingekleidet. als ich (als einzige in meiner familie) nach der 10. klasse aufs gymnasium wollte musste ich dafür kämpfen. mein vater meinte ich solle verkäuferin lernen, schließlich hätte ich ihm jetzt lange genug auf der tasche gelegen. mein bruder hatte nicht die fähigkeiten aufs gymi zu gehen, macht jetzt allerdings eine berufliche weiterbildung in vollzeit und natürlich unterstützen meine eltern ihn finanziell. kontakt zu meinen eltern habe ich übrigens so gut wie keinen – man grüßt sich auf der straße, meinen vater ignoriere ich aber gänzlich. mein bruder kennt mich nur, wenn er was von mir will.
meine großeltern können meine geschichte bestätigen, sie haben fast alles mitbekommen. meine mutter hat mir vielleicht zwei mal in meinem leben gesagt "ich hab dich lieb" (mein vater übrigens nie) – dafür habe ich die worte "blöde kuh" & "hätte ich dich doch nie geboren" fast täglich gehört. ich war sicher kein einfaches kind – aber ich habe nichts angestellt, dass diese worte oder gewalt rechtfertigt.
meine großeltern jedoch haben immer zu mir gehalten und mich unterstützt, was sie heute noch tun. aber sie konnten die wunden, die meine eltern auf meiner seele hinterlassen haben nicht ganz heilen. ohne sie hätte ich mein leben wahrscheinlich gar nicht in den griff bekommen.
die schläge habe ich bis heute nicht vergessen. der schlimmste vorfall war einen tag vor meinen endgültigen auszug: mein vater prügelte mich durchs haus, zog mich an den haaren über den boden und trat mich, als ich auf dem boden lag. meine mutter schaute zu. mein körper war übersäht mit blauen flecken, das gesicht war von den schlägen angeschwollen, man konnte jeden handabdruck sehen. ich flüchtete zu meinen großeltern, die einen arzt riefen. dieser war entsetzt und nahm meine blessuren zu protokoll. anzeige habe ich nicht erstattet, ich habe dem druck meiner restlichen familie nicht stand gehalten und davon abgesehen. heute ist von dem nichts mehr war. auch meinen großeltern wird nicht geglaubt. die unterlagen kann mein arzt nach all den jahren nicht mehr finden.
ich habe einen liebevollen partner, aber es gibt probleme. auch diese probleme wurden in meiner kindheit geprägt. geliebt zu werden ist für mich nichts selbstverständliches – ich kenne es einfach nicht. ich kenne zuneigung nur als gegenleistung. wie soll ich verstehen dass mich jemand so liebt wie ich bin, wenn ich von klein auf das gefühl vermittelt bekam, dass ich nicht liebenswert bin. wie soll ich jemandem vertrauen, wenn ich mit dem spruch erzogen wurde "vertrauen ist gut, kontrolle ist besser." meine eltern haben mich immer kontrolliert, nie wurde mir vertraut.
ich bin seit jahren in therapie. meine erste therapie begann ich, weil ich mir immer die gleichen typ mann suchte die meinem vater ähnelten. diesen typ mann habe ich zum glück überwunden. die zweite therapie mache ich im zu mir selbst zu finden, damit ich lerne, dass ich liebenswert bin und beginne zu vertrauen. |
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