Dick eingemummelt, die Nase in einem wolligen Schal verborgen, die Hände tief in den Taschen vergraben, gehe ich die Treppe am Deich hoch. Oben schlägt ein eisiger Wind um mein Gesicht, aber ich spüre es nicht, mir ist mollig warm. Endlich bin ich da, bin ich an dem Ort wo meine Seele fliegen kann. Die Wärme kommt von innen, lächelnd gehe ich runter zum Strand. Meine Gedanken, frei im Wind, begleiten mich. Gedanken der Einsamkeit, des Schmerzes und der Trauer, Gedanken über mein Leben, Erinnerungen die mich immer wieder quälen. Hier schmerzen sie nicht, sie begleiten mich nur wie ein Drachen der hoch oben am Himmel über mir schwebt. Ich halte die durchsichtige Schnur in der Hand, langsam wird mir klar, ich muß sie durchtrennen, ich weiß es jetzt. Aber ich weiß nicht ob ich schon soweit bin, noch halte ich die Schnur krampfhaft fest und wandere alleine durch den Sand.
Ich denke an meine Kindheit, erinnere mich an die schlimmen Zeiten, die Einsamkeit, die Angst, an die Trauer und vieles mehr. Ich denke an meine Eltern, die mir sehr weh getan haben. Ich denke an meine Großeltern und an meine Urgroßmutter. Ich denke an meine Geschwister, die ich im Laufe der Zeit immer wieder verloren und wiedergefunden habe. Ich denke an Bastian, meinen Sohn, der da irgendwo im Meer schwimmt, der am Himmel als Stern leuchtet, der frei im Wind bis zum Horizont fliegt. Ich denke an Michael der eine wunderbare und sehr liebe Mama hat, die ein sehr wertvoller und lieber Mensch ist...und wünsche mir das Bastian und Michael da wo sie sind vielleicht Freunde sind. Ich denke an meine Schwiegereltern, meinen Schwiegervater, der vor ein paar Jahren starb. Meine Schwiegermutter, meine Schwiemu, die vor ein paar Wochen starb. Ich denke an meine Katze, die qualvoll sterben mußte. So voller Gedanken laufe ich immer weiter, spüre den Drachen der an meiner Hand zieht und schaue hinauf. Alle meine Gedanken sind dort oben und werden von ihm im Wind getragen. Leise knirscht der Sand unter meinen Füßen, ich höre das Meer wie es an den Strand schlägt, spüre den Wind der immer stärker an dem Drachen zieht.
Ich schaue hinaus aufs Wasser, langsam öffne ich die Hand, die Schnur löst sich aus meinen verkrampften Fingern, ich weiß aufeinmal ich bin jetzt soweit die Erinnerungen, den Schmerz, die Angst und Trauer, loszulassen. Lange schaue ich noch meinem Drachen, wie er am Himmel übers Meer davon fliegt, hinterher. Ich werde ihn nie vergessen aber ich weiß jetzt ist die Zeit gekommen ihn freizulassen und frage mich leise...wer hat wen freigelassen, ich ihn oder er mich. Ich denke an all die Menschen die mich die letzten Jahre begleitet haben und mir oft geholfen haben mit allem fertig zu werden. Ich denke an meine Töchter und an meinen Mann, die ich endlich, ohne Angst sie wieder zu verlieren, lieben kann. Viele Jahre war meine Liebe zu ihnen eingesperrt hinter Mauern der Angst, aber jetzt ist sie befreit, bin ich frei. Lächelnd drehe ich mich um, als ich ihre Stimmen höre. Lachend kommen meine Töchter und mein Mann auf mich zugerannt, ich laufe zu ihnen hin, mein Mann fängt mich auf. Lachend drücke ich mich in seine Arme, küsse ihn auf den Mund, dann hacke ich mich bei ihm ein und gebe auch unseren Töchtern einen Kuß. Hand in Hand gehen wir wieder zurück... glücklich denke ich..."ich lebe".
Carla...
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