Wann es begann, weiß ich nicht mehr genau. Ich war noch ein Kind-glaube ich. Bei uns herrschten zum größten Teil Streit und Haß. Meine Eltern trennten sich, als ich 4 Jahre alt war. Sie stritten sich ständig und hätten sich am liebsten die Augen ausgekratzt. Ich hatte noch 2 Geschwister, eine 1 1/2 Jahre jüngere Schwester und einen 10 Jahre älteren Bruder. An meiner Schwester hing ich sehr und wir unternahmen viel zusammen. Wir mußten zusammenhalten. Währenddessen übernahm mein Bruder mehr oder weniger die Vaterrolle. Ich haßte es! Er hatte mir doch nichts zu sagen! Warum konnte meine Mutter sich nicht gegen ihn durchsetzen? Warum beschützte sie mich nicht? Mit der Zeit begann ich, ins Bett zu machen. Das mußte die Angst sein, die über mich herrschte und Alpträume, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Meine Mutter schleppte mich wegen dieser Bettnässerei zu einem Arzt, der darauf spezialisiert war. Ich war noch klein und verstand die Welt nicht. In der Zeit war jemand bei uns, der sich um uns kümmerte. Die damalige "Freundin" meines Vaters. Sie blieb 3 Jahre, verließ unhs dann Hals über Kopf. Ich litt sehr darunter. Aber das interessierte keinen. Jeder war einfach viel zu sehr mit sich selber beschäftigt. Ich ging in die Schule, war aber nicht gut, hatte Angst vor andern Menschen und traute mich nicht den Mund aufzumachen. Von den Mitschülern wurde ich gemieden. Keiner wollte etwas mit mir zu tun haben. Warum, verstand ich nie. Was hatte ich ihnen getan? War es, weil ich nicht so war, wie sie? Eine Antwort darauf bekam ich nie. Je älter ich wurde, desto schwieriger wurde es für mich in der Schule. Die Mädchen interessierten sich bereits für Jungen, aber ich war nicht so, wie sie. Die Lehrer bemerkten es zwar, aber sie sahen nur zu. Ich hatte weder Hilfe noch Unterstützung. Meine Eltern wollte ich nicht mit meinen Problemen belasten. Sie hatten ihre eigenen. Ich fühlte mich so hilflos. An wen konnte ich mich wenden? Später, mit 13 Jahren kam ich erneut zu einer Therapeutin und ich wußte nicht, was ich bei ihr sollte. Ich redetete nicht, sondern schwieg. Nach wenigen Sitzungen brach ich die Therapie ab. Was sollte das auch? Ich war doch gesund und Probleme hatte ich keine, dachte ich damals. So war alles wie gehabt. Ich lebte zurück gezogen in meiner eigenen Welt, ließ das Umfeld mit mir machen, was es wollte. Ich war "nur" auf der Hauptschule. Irgendwann jedoch sah ich eine Talkshow im Fernsehen von Leuten, die sich selbst verletzten. Vorher hatte ich noch nie etwas darüber gehört. Ich dachte nicht weiter darüber nach und versuchte mein Leben zu leben. Eines Tages öffnete ich eine Küchenschublade und sah die Messer blitzen. Ich nahm ein Kartoffelmesser heraus und betrachtete es. Ich war traurig, wütend, aggressiv... Da kam ich auf die Idee, mich an allen zu "rächen", die mir das angetan hatten, was ich durchleiden mußte. Ich wollte, daß sie meine Qualen sahen und auf mich aufmerksam machen. Ich wollte, daß endlich jemand für mich da war und mir zuhörte und mich in den Arm nahm und sich um mich kümmerte. Also schnitt ich in die Haut, bis es blutete. Der Scherz tat nicht weh. Es war nur heiß. Ich war ein wenig entsetzt darüber, was ich getan hatte, aber ich wollte die Reaktionen abwarten. Die andern wurden zwar aufmerksam darauf, aber die gewünschte Reaktion gab es nicht. So behauptete ich, daß es von einer Katze gewesen sei. Ich ritze mich weiter, mal nach Wochen, mal nach Monaten, diesmal immer heimlich. Ich merkte eine Wohltat auf meiner verletzten Seele. Ich wollte Blut sehen und haßte mich. Keiner mochte mich und ich dachte immer stärker an suizid. Mit 16, als ich mit dem Ritzen begann, kam ich zu einer Psychiaterin. Diesmal entschied ich mich selber dazu, denn ich merkte, daß es so nicht weiter gehen konnte. Diese überwies mich jedoch zu einem Spezialisten, mit dem ich nicht klar kam und brach die Therapie erneut ab. Ich muß es alleine schaffen, dachte ich. Nie wieder Therapie! schwor ich mir. Alles blieb beim Alten. Als ich in der 10. Klasse war, war es mit den andern so schlimm, daß ich oft den Unterricht schwänzte, denn ich hatte Angst. Dann begann ich eine Ausbildung. Ich wollte Kinderpflegerin werden. Auch damit klappte es nicht, denn erneut kam ich mit den Mitschülern und Lehrern nicht klar. Ich brach diese Ausbildung ab. Durch Zufall kam ich an eine gute Therapeutin. Bei ihr blieb ich 3 Jahre. Mit ihr konnte ich reden. Manchmal tranken wir sogar während der Sitzungen Kaffee oder Tee. Sie hörte zum größten Teil zu und ich konnte selber entscheiden, was besprochen werden sollte. Sie durchlöcherte mich nicht mit Fragen und war auch nicht neugierig. Ich kam in eine Maßnahme, für arbeitslose Jugendliche, blieb dort 1 Jahr, aber es brachte mir nichts, außer, daß ich dort meine jetzige beste Freundin kennenlernte. Zu dem Zeitpunkt war ich 19 Jahre. Ich hatte Angst, mit ihr zu reden, ich tat mich schwer, Vertrauen zu ihr zu fassen. Aber sie ist geblieben! Sie hatte sehr viel Geduld mit mir und kümmerte sich um mich. Sie lernte mich in meiner schlimmsten Phase kennen. In diesem Jahr war mit meinem Freund Schluß, starb die Freundin meiner Mutter, brach ich die Ausbildung ab und meldete mich (schweren Herzens) von der Tanzschule ab. Ich ging jahrelang in eine Tanzschule, die mein einziger Halt war und wie eine große Familie für mich. Das Tanzen liebte ich und dort wurde ich so angenommen, wie ich war. Dann hatte ich einen Unfall und mußte auf Grund dessen am Knie operiert werden. Daraufhin durfte ich 1/2 Jahr nicht tanzen. Für mich brach eine Welt zusammen! Nachdem ich wieder zurück war, hatte ich jedoch das Gefühl, daß nichts mehr so war, wie vorher und ich entschloß mich, zu gehen. Nach der Maßnahme fuhr ich meine Ausbildung fort. Dieses mal kam ich gut mit meinen Mitschülern und Lehrern klar, dachte, daß ich endlich mal Glück gehabt hatte. Doch leider ging das auch dieses mal schief, denn ich kam mit den Kindergärten, in denen ich mein Praktikum absolvieren sollte, nicht klar. So ging ich auch diesmal. Meine Klassenlehrerin stand nicht wirklich hinter mir. Es tat weh! Ich ging nicht mehr raus, nicht mehr ans Telefon, ritzte mich und verkroch mich. Ich war doch nichts wert! Ich haßte diese gottverdammte Welt und mich sowieso! Die Freundin meines Bruders wurde schwanger und ich wurde zum ersten Mal Tante. Ich freute mich so sehr darauf, daß ich mir sagte, es müsse sich etwas ändern. Und so entschloß ich mich, in eine Klinik zu gehen. Ich wollte es tun, für mich und für das Baby, daß ich schon so sehr liebte, daß ich wollte, daß es etwas von mir hat. 10 1/2 Wochen war ich dann in der Klinik und lernte viele Menschen kennen, denen es ähnlich ergangen war, wie mir. Aber ich lernte auch viele mit anderen Krankheiten kennen, wie z.B. Magersucht, Bulimie, Mißbrauch... Wir standen uns alle sehr nah und ich erfuhr etwas, was ich vorher noch nie erfahren hatte. Aber auch von außen bekam ich viel Unterstützung. Plötzlich kümmerte sich meine Familie um mich. Meine Eltern kamen beide sogar zu einem Familiengespräch. Und jetzt reden sie sogar wieder normal miteinander. Das Baby von damals, ein Mädchen ist inzwischen 2 Jahre und der Stolz der ganzen Familie. Kurz nachdem ich aus der Klinik entlassen wurde, heiratete mein Bruder seine Freundin. Ich wurde zwar als geheilt entlassen und dachte nun sei alles in Ordnung. Aber es ist ganz wichtig, auch nach so einem Aufenthalt weiter an sich zu arbeiten. Ich ging zurück zu meiner Therpeutin. Zuerst hatte ich einen totalen Absturz, aber mit den Monaten und Jahren kann man es schaffen. Dann kam ich wieder in eine Maßnahme, wo ich sehr viel Hilfe bekam und bin jetzt so weit, um in eine Ausbildung gehen zu können. Esd wird immer besser. Manchmal bin ich noch traurig und weiß nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Jetzt mache ich außerdem ein Trainingsprogramm, das sich "Schritte aus der Angst" nennt. Meine Therpie ist vorbei und ich merke jeden Tag mehr, daß sie erfolgreich war. Ich erkenne mich selber kaum wieder. Mit dem Ritzen hörte ich auf, mache es in seltenen Fällen, allerdings hin und wieder immer noch. Aber ich weiß, ich werde gesund. Das hier ist nur ein kleiner Teil meiner Lebensgeschichte. Passiert ist noch viel mehr, aber ich habe das wichtigste zusammengefaßt.
Hier noch einige Ratschläge: *alle, die etwas beobachten, an Gewalt, Mißbrauch usw. Seht nicht weg, sondern versucht zu helfen, entweder, ihr redet selber mit dem Opfer, geht zur Polizei, wendet euch an Lehrer, Erzieher usw. *macht den Mund auf! *Schämt euch nicht, wenn ihr professionelle Hilfe braucht. *wenn ihr denkt, euch mag keiner mehr, stellt euch vor einen Spiegel und sagt laut:"Ich mag mich, ich bin liebenswert." Das stärkt euer Selbstbewußtsein. *verucht euch, an der Umwelt zu erfreuen, an den Vögeln, die zwitschern, an der Sonne, die scheint. *laßt Gefühle zu! Wenn euch nach weinen zumute ist, dann dürft ihr weinen, wenn ihr wütend seid, seid eben wütend. Geht an einen Ort, an dem ihr gerne seid, wenn es euch lieber ist, daß ihr dabei alleine seid, sucht euch einen ruhigen Ort und schreit einfach so laut ihr könnt, alles, was euch einfällt, oder zerschmeißt Porzellan. Wenn ihr fröhlich seid, dürft ihr auch das zum Ausdruck bringen. *vertraut euch einem Freund an. *versuche zu reden, egal, wie schwer das auch sein mag. *sei einfach du selbst-so, wie du bist, ist es gut, denn du bist ein wertvoller Mensch. *wenn ihr mögt, könnt ihr eure Gefühle auch niederschreiben.
"Ein neues Leben kann man nicht beginnen, aber täglich einen neuen Tag". |