| Ist der Weg das Ziel? | 03.04.2008 19:01 | Heute bin ich in Schreiblaune. Naja, eigentlich schreibe ich viel, doch mehr für mich selbst. Wenn ich es mal richtig betrachte, mache ich viele Fortschritte, wenn auch recht kleine...
Ich hatte eine ver-rückte Kindheit und Jugend. Ver-rückt in dem Sinne, dass der Ort den ich in der kleinen Welt der Familie hatte, nicht der richtige für ein Kind war. Das ist mir durch ein familiäres Ereignis (einer Psychose meiner Mama) im letzten Jahr richtig bewusst geworden -mit vielen psychischen Konsequenzen-, obwohl ich schon seit nun acht Jahren in eine Therapie mache. Was ich früher wie selbstverständlich von zuhause erzählte, war für meine damalige Therapeutin skurril, grotesk und beinahe unglaublich. Heute kommt es bei mir an. Sie hat sich sehr für mich eingesetzt und hat mir immer versucht klarzumachen, dass meine Eltern sehr krank sind und das alles nicht normal ist, was sie mir angetan haben. Sie saß vor mir und konnte es kaum glauben, wenn ich steif und fest behauptet hatte, meine Mama sei eine gute Mama, die mir alles gibt was ich brauche, dass wenn jemand eine Schuld trägt, ich es sei, dass ich Wut nicht kennen würde usw. Sie hatte recht unkonventionelle Methoden, übernahm Wut für mich wo ich sie nicht spürte und nicht sah, positionierte sich für mich und versuchte mir einen Weg an der Familie vorbei zu ebnen, um mich zu retten, da ich mich nur "an der Familie vorbei würde entwickeln können". Ich konnte ihr kaum glauben und verstand das alles nicht so richtig. Als ich zu ihr in die Therapie kam -mit Unterstützung meiner Lehrer und des Jugendamtes bin ich von zuhause rausgekommen- war ich sechzehn Jahre alt. Heute bin ich 25, habe immer noch mit meiner Vergangenheit zu kämpfen, wohne in einer anderen Stadt und habe seit einem dreiviertel Jahr den Kontakt zu meiner Familie unter großen Mühen und inneren Widerständen abgebrochen. Ich habe es geschafft, mich zu keinem Geburtstag und auch nicht zu Weihnachten oder Ostern zu melden, ich halte meinen Schuldgefühlen stand und überlebe trotz häufiger flashbacks und dissoziativer Episoden jeden Tag aufs Neue.
Im letzten Mai rief ich zum Muttertag zuhause an. Meine Mama erzählte mir vom Satan, dem sie begegnet sei und einem kalten Entzug, dem sie ausgesetzt wurde. Ich machte mir Sorgen um sie, setzte mich in den nächsten ICE, um schnellstmöglich bei ihr zu sein und ihr helfen zu können. Eine Woche brachte ich an meinem Heimatort zu. Ich stellte im Laufe der Tage fest, dass ich das ganze Verhalten von ihr kenne, dass ihre Psychose lediglich eine Verdichtung altbekannter Zustände war. Ich ergriff die Flucht, als meine Mama mich umbringen wollte - und alte Wunden rissen auf. Damals konnte ich nicht fliehen, dennoch habe ich überlebt. Mordversuche, die ganze Palette des Missbrauchs und die Misshandlungen - alles war plötzlich wieder da. Davon hatte ich in all den Jahren der Therapie keine Ahnung. Das war zuviel. Ich fuhr nach Hause, ging in die nächste Klinik, um mich zu schützen, während meine Mama mit ihrer Psychose jegliche Hilfe ablehnte und mich per sms wüst beschimpfte. Mein Stiefvater lebt inzwischen getrennt, doch er war und ist keinen Deut besser. Drei Monate habe ich in einer Tagesklinik für Psychosomatik und Psychotherapie verbracht, um mich zu stabilisieren. Meine Psyche drohte zu zerbrechen. Den überwiegenden Teil der Zeit habe ich in der Vergangenheit verbracht, war innerlich nicht anwesend. (Ich glaube, ich schreibe ein bißchen wirr - doch alles ist ein bißchen viel.)Ich besuche seit drei Jahren in meiner neuen Stadt zweimal wöchentlich eine Therapie und langsam aber sicher (seit 5 Monaten) lerne ich ihm zu vertrauen.
Ich habe viel erreicht im letzten Jahr. Die flashbacks lassen nach, die Wut wird langsam spürbar, sie lässt der Ohnmacht immer weniger Raum, ich kann wieder arbeiten und werde nicht mehr so oft in meinen Träumen gequält. Aber ich kann vor allem eines: ICH KANN LANGSAM WIRKLICH REDEN!!! Ich habe immer viel geredet, doch nun traue ich mich immer mehr über die schlimmen Erinnerungen zu sprechen und lerne Gefühle zuzulassen, auch wenn ich stark somatisiere - also einen Teil der Qualen in körperliche Krankheiten verschiebe. Es hat lange gebraucht. Die damalige Therapie bei der o.g. Therapeutin war eine langwierige Vorbereitung, um das alles überhaupt erkennen und vor allem aushalten zu können. Ich bin überzeugt, dass diese Retraumatisierung einen großen Sinn und Verdienst hat: Ich kann mich irgendwann von den Geißeln der Vergangenheit befreien. Es ist ein harter, oftmals richtig übler Weg - da kann mir niemand ein x für ein u vormachen. Doch an diesem Weg können wir alle nur wachsen.
ICH LERNE ENDLICH MICH ZU VERSTEHEN!!! |
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